Ärmel zu Ärmel, Vers zu Vers

In Hamburg eröffnen die Großbühnen mit Großklassikern: Luk Perceval untersucht «Hamlet» im Thalia Theater und Roger Vontobel Kleists «Penthesilea» im Deutschen Schauspielhaus

Eine Wand aus Mänteln. Portalbreit und bis in den Bühnenhimmel hoch drängen dicht an dicht, Reihe über Reihe, die alten Überzieher in Grau und grauer; es müssen weit über 1000 sein. Manchmal sind auch ein paar hellere Teile darunter, Aufschläge vergangener Epochen bringen etwas Abwechslung in die monumentale Garderobe. Wenn im fahlen Licht der ganze Apparat unmerklich ins Schwingen kommt, muss man schnell auf etwas Festes schauen, sonst gerät tief unten im Parkett der Gleichgewichtssinn aus den Fugen. Keine Haltepunkte in diesem blickfeldweit wogenden Meer aus düsteren Staubfängern.

Annette Kurz hat hinter diesen «Hamlet» ein wuchtiges Pathos-Bild von Vergänglichkeit und Orientierungslosigkeit gehängt: Asche zu Asche, Ärmel zu Ärmel.


    Der nordische Knoten

Keine Inszenierung kommt um das eigent­liche Problem des Stücks herum. Nicht Sein oder Nichtsein, Handeln oder Bleibenlassen, Rache oder Bequemlichkeit ist die zentrale Frage, sondern: Ist es Wahnsinn, und wenn nein, warum tut er dann so? Hamlets Wahn, darauf hat Stephen Greenblatt scharfsinnig hingewiesen, ist die eigentliche Leerstelle des Dramas. Anders als in der Vorlage von Saxo Grammaticus (1140–1220), aus der Shakespeare ...

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Theater heute November 2010
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Franz Wille

Vergriffen