Auf Fehlersuche

Was ein kleines Virus alles kann: das ausgefallene Theatertreffen 2020 zum Nachlesen. Über bröckelnde Staaten, kollabierende Wohl­standskulturen, Optimierungsblockaden, Blickregime und andere Kränkungen der Menschheit

Theater heute - Logo

Ein kleines Virus legt nicht nur das Theatertreffen lahm – was noch niemandem zuvor in 57 Jahren gelungen ist –, sondern auch gleich den Rest der Welt, sofern er menschlich besiedelt ist. Eine Pandemie mit Abermillionen Infizierten ist die größte anzunehmende Kränkung für hominide Allmachtsfantasien und technologischen Machbarkeitsglauben und lässt alle übrigen Probleme moderner Gesellschaften gleich mehrere Nummern kleiner erscheinen. Soweit das durchaus Heilsame am Corona-Virus.

Das leider weniger Heilsame daran: Wenn das Virus einmal verschwunden sein wird, werden alle diese übrigen Probleme noch da sein. Vermutlich sogar deutlich spürbarer. 

Dass etwas faul sei im Staate Dänemark, wird niemand bestreiten in diesem Bochumer «Hamlet» von Johan Simons, nur was? Den üblichen Racheauftrag des verstorbenen Königs gibt es hier nicht – oder nur als kleinen hamletischen Traumanfall –, aber der neue Herrscher und sein ganzer Hofstaat sind auffällig um Normalität bemüht. Dabei sind diese Zeitgenossen durchaus keine Schurken, es herrscht eher ein wenig hervorstechendes Mittelmaß des Machterhalts aus Eigeninteresse ohne jeden erkennbar darüber hinausreichenden Ehrgeiz: eine nicht einmal ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2020
Rubrik: Theatertreffen Berlin, Seite 14
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Liebe Leserin, lieber Leser

Die Zeit ist aus den Fugen. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Städte und Länder den Shutdown erleben, dass Theater schließen, Opern nicht mehr spielen, Tänzer nicht mehr tanzen; jedenfalls nicht mehr öffentlich auf der Bühne, sondern bestenfalls im Streaming. 

Menschenleben stehen «zur Disposition», wenn nicht mehr allen gleichermaßen geholfen werden kann. Wie...

Frauenpower statt Räuberpathos

Vor drei Jahren marschierten Schillers «Räuber» noch als skandierender Männer-Bund, angeschirrt und gleichgetaktet von Ulrich Rasche, im Münchner Residenztheater über tonnenschwere Riesenlaufbänder (weshalb die Inszenierung beim Theatertreffen 2017 nur als Video-Aufzeichnung gezeigt werden konnte) und erzeugten dabei mit geballtem Gruppenpathos einen aufwühlend...

Literaturfilm: Lustige Hooligans

Guten Morgen, ihr Arschlöcher!», brüllt Vandam über den Plattenbau. Hart, aber herzlich geht es zu in der Prager Vorstadt, wo Vandam und Psycho tagsüber einen Hilfsjob auf dem Bau absolvieren und sich abends in Luckas Kneipe die Kante geben. Aggro-Typen, aber mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Obwohl, das mit dem Herz ist so eine Sache: Vandam behauptet, 1989...