Anatomie Tschechow

In der Schaubühne aktualisiert Falk Richter den «Kirschgarten», am Deutschen Theater lässt Jürgen Gosch «Onkel Wanja» vom Blatt spielen – und entdeckt mehr vom Heute

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Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Falk Richter hat für seine «Kirschgarten»-Inszenierung Tschechows russisches Original einer Agentur gegeben, die üblicherweise auf die Übersetzung von Wirtschaftstexten spezialisiert ist, und auf dieser Grundlage eine Neubearbeitung angefertigt.

Abgesehen von einem souveränen Mangel an Bescheidenheit – ich schreib mir endlich einen besseren Tschechow –, bestrickt die optimistische Erwartungsfreude und der künstlerische Wagemut: Was kommt wohl heraus, wenn man den «Kirschgarten» durch den gleichen Wortfleischwolf dreht, durch den sonst Geschäftsbriefroutinen gehen? Doch wohl hoffentlich keine Geschäftsbriefroutinen?? Die Dramaturgie des Hauses ist jedenfalls von sich selbst angemessen begeistert, lobt das «vielversprechende Experiment» und den auf diese Weise «naturgemäß versachlichten, ökonomisierten Text». Wie schön, dass man sich auch über Geschäftsbriefe freuen kann. 

So viele Sympathiepunkte hat Lopachin schon lange nicht mehr gesammelt. Der zu Geld gekommene Bauernsohn ist dem neuen Schaubühnen-Tschechow umstandslos vorangestellt: Bruno Cathomas hat Lopachins neureiche Korpulenz in einen figurfreundlichen Maßanzug gefüllt und auch sonst ...

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Theater heute März 2008
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille

Vergriffen
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