Am digitalen Lagerfeuer
Mein intensivstes Theatererlebnis in dieser unglaublich schweren Spielzeit, die jetzt endlich zu Ende geht, hatte ich nicht im Theater, sondern vor dem Bildschirm. Und mit Bildschirm meine ich in diesem Fall tatsächlich den des Smartphones. Es waren die letzten Momente eines Events des twitch-Streamers Ludwig Ahrgren, das unter dem Namen «Subathon» googlebar ist und vermutlich im Guiness-Buch der Rekorde auftauchen wird, wenn es sowas wie das Guiness-Buch überhaupt noch gibt.
Ahrgren ist einer der bekanntesten Live-Streamer auf der zu Amazon gehörenden Streamingplattform twitch – täglich kann man ihm gemeinsam mit 20.000 anderen dabei zusehen, wie er in seinem Zimmer sitzt und Computerspiele spielt. Manchmal spielt Ahrgren auch nicht, sondern unterhält sich einfach mit seinen Zuschauer:innen, «Just chatting» heißt das dann auf twitch.
Am 14. März dieses Jahres jedenfalls startete Ahrgren seinen Stream unter einer simplen Prämisse: Rechts oben im Streamingbild war eine Stoppuhr eingeblendet, die 30 Minuten anzeigte. Nach Ablauf dieser Zeitspanne würde Ahrgren, der ansonsten täglich mehrere Stunden online ist, seinen Stream beenden. Seinen Zuschauer:innen aber gab er die ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 90
von Christopher Rüping
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Digital produzierte und verbreitete Bilder prägen wie kaum ein anderes Phänomen die Kultur unseres Zeitalters und bringen sie zugleich zum Ausdruck; ja, sie bedingen gar eine neue Form des Denkens, der Kommunikation und Konstruktion von Welt. Das war eine aufregende Erkenntnis der Medienphilosophie in den 1970er und 80er Jahren, die heutigen...
Vor dem Fernseher sitzt eine Gestalt, die aussieht wie tot. – So beginnt die Regieanweisung der zweiten Szene. – Die Gestalt schaut sich eine uralte Vogelsendung an, in der dieselbe Szene ständig wiederholt wird: Exotische Vögel flattern auf. Neben der Gestalt sitzt «der Bruder». Er ahmt die gleiche tote Erscheinung seines Vaters nach. Die Mutter fegt den Fußboden....
Da war doch was. Richtig, ganz links hinten im Keller, dort, wo die alten abgelegten Selbstfeiern von Intendanten (damals in aller Regel männlich) lagern, die sich in dicken Büchern nach fünf Jahren Amtszeit eine «Ära» bescheinigt und in teuren Prachtbänden eingesargt haben, da wartet er geduldig, der einsame, graue Diamant. «War da was?» hieß demonstrativ...
