Das afrikanische Gefühl

Hans Steinbichler schickt Josef Bierbichler in seinem Film «Winterreise» in die Wüste

Während der Abspann läuft, hört man sie noch einmal, die dünne Männerstimme mit dem zittrigen Tremolo, nüchtern, kein bisschen sentimental, dafür aber mit einem Rest Angriffslust in der abgeschnürten Kehle. So wie zuvor schon den «Wegweiser» und den «Leiermann», singt Josef Bierbichler das Lied «Die Nebensonnen» aus Franz Schuberts und Wilhelm Müllers «Winterreise» – schutzlos und gegen alle Regeln schöner Kunst, so, dass klar ist, da singt einer (für) sich selbst.

Fast hat man den Eindruck, als hätte der Regisseur Hans Steinbichler, Jahrgang 1969, seinen zweiten Kinofilm «Winterreise» nur gedreht, um irgendwie zu diesem Abspann zu kommen oder zuvor zu der Einstellung, in der Bierbichler sich in einer kenianischen Hotellobby ans Klavier setzt, um den «Leiermann» zu singen, wobei das Wo gar nicht so wichtig ist. Ein Mensch geht zu Ende, und Bierbichler singt Schuberts Endzeitlieder – das wär’s gewesen, das hätte im Grunde schon gereicht.

 

Brenningers Niedergang

Aber natürlich geht es Steinbichler um vieles mehr, um einen langen Abschied aus dem bürgerlichen Leben, um das Abrutschen eines großmäuligen Unternehmers aus der Normalität von Geschäftswelt und Familie und um die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2006
Rubrik: Medien/TV, Seite 63
von Silvia Stammen

Vergriffen
Weitere Beiträge
Nacht über Deutschland

Eine zierliche Fresse zeigst du mir da» – «Hier hilft dem Dummen die Dummheit allein» – «Gunther, deinem Weib ist übel»: Richard Wagner hat in seinen Texten eine Palette von Sprüchen versammelt, die sich prima im Alltag anbringen lassen, wovon Wagnerianer auch gerne Gebrauch machen. Ihre jährliche Zentralversammlung in Bayreuth gibt dazu vielfältigen Anlass. Wenn...

Endspiel, was sonst

1. Warum machen wir das? Man muss ja keine Theaterkritiken schreiben. 

Am Theater kann einen zunächst reizen, dass es als generalistische Form, die im Glücksfall zum Gesamtkunstwerk gerät, alle oder fast alle anderen Genres vereint. Das ist für den Kritiker mindestens eine intellektuelle Herausforderung, erklärt aber noch nicht wirklich sein Objekt der Begierde....

Abgeschmeckt und schöngesprochen

Es war das eleganteste Fragezeichen der vergangenen Saison, Händl Klaus’ «Dunkel lockende Welt» (abgedruckt in TH 03/06). Corinna übergibt ihrem Vermieter Joachim Hufschmid die Wohnung, um nach Peru zu gehen. Der findet einen kleinen Zeh, welcher dann von Corinnas Mutter Mechtild irgendwie zurückgeholt werden soll. Für einen Krimi fehlt die handfeste Tat, dafür...