Innen Tschechow, außen Johannes B. Kerner

Und noch eine Rede an die jungen Talente des diesjährigen Theatertreffens. Auch für alte Meister zu empfehlen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Talente, schon die Anfrage brachte mich in Verlegenheit. Was es denn bedeute, in diesem Land talentiert zu sein, ja, dachte ich, sehr interessantes Thema, aber wenn die mich für talentiert halten, dann muss ich mich, wenn ich zusage, ja auch selber für talentiert halten, öffentlich. Ich finde, so was macht man eigentlich nicht.


Andererseits, welchen Sinn würde es machen, wenn hier jetzt ein definitiv Untalentierter über seine Erfahrungen mit dem Talentiertsein in Deutschland sprechen würde, obwohl – bei näherer Überlegung – dies vermutlich genau den Zustand unseres Landes treffen würde.
Offen gestanden, es wimmelt doch nur so von Untalenten, die es irgendwie geschafft haben. Man muss ja nur den Fernseher anmachen oder ins Büro gehen, jeder fragt sich das doch, wieso ausgerechnet der, warum um Gottes willen diese Kuh, wieso nicht ich?
Neid, ja, aber vielleicht auch eine gerechte Enttäuschung, denn dieses Land, angefangen vom kleinsten Verbund bis hoch zur Spitzenpolitik, scheint ein Verfahren entwickelt zu haben, es wirklichen Talenten schwer zu machen.
Nicht unbedingt am Anfang, aber später dann, wenn es an die Begleitung und Durchsetzung ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2006
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Moritz Rinke

Vergriffen
Weitere Beiträge
Diese Christenwelt

Was ist das für ein Venedig hier in Bremen? Antisemitische Karikaturen prangen kreideweiß auf der asch­fahlen Bühnenrückwand. Der Raum (von Heinz Hauser) ist leer bis auf ein paar gelbe Papierbahnen, die später in Pogromhatzen zerfetzt werden. Auf Stühlen zu beiden Seiten sitzt die Finanzwelt der Lagunenstadt: die Juden in bedrückendem Schwarz; die Venezianer...

Eier auf Glatzen

Formbewusst in der Arbeit, analytisch scharf im Denken – das sind so Markenzeichen der Regisseurin Thirza Bruncken. Hartnäckiges Pusseln in den Unterschichten des Textes, Insistieren auf der pointierten Gestalt. Hier in Weimar, konfrontiert mit dem betulichen Familienschwank des gerade zwanzigjährigen Goethe, muss ihr die Entschlossenheit zur strengen Form...

Wenn das Abenteuer Pause macht

Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen: Die Wiener Festwochen 2006 begannen mit einem kollektiven Bed-in. Die Bühne für Ivo van Hoves Theateradaption des John-Cassavetes-Films «Faces» von 1968 besteht aus einer Bettenlandschaft; das Publikum verfolgt die im Stück verhan­delte Ehekrise aus der Horizontalen (s. TH 8-9/05). Die Inszenierung ist eine Koproduktion...