Wiedergeburt aus dem Kaffeesatz

Gerhart Hauptmann «Rose Bernd» (Bayerisches Staatsschauspiel), Karpat/Senocak «wie den vater nicht töten» (FTM im i-camp)

Einen überraschenden Ausgang nahm im Frühjahr 1903 der Prozess gegen die ledige Kindsmörderin Hedwig Otte im schlesischen Städtchen Hirschberg. Das Urteil lautete «nicht schuldig», und schuld daran war nicht zuletzt der Dichter Gerhart Hauptmann auf der Geschworenenbank, der für die Angeklagte plädierte. Noch im selben Sommer entstand das Schauspiel «Rose Bernd», Hauptmanns Gretchen-Tragödie, als genau beobachtete Gesellschaftsstudie über hochfliegende Mädchenträume, männlichen Wankelmut und die Grenzen des guten Willens in einer halbemanzipierten Kleinbürgerwelt.



Der Chemnitzer Schauspieldirektor Enrico Lübbe hat es jetzt am Bayerischen Staatsschauspiel nicht etwa als Kommentar zu aktuellen Kindsmordfällen, sondern als beinahe archaisches Drama über die verhängnisvolle Kollision von Wünschen und Ängsten auf die Bühne gebracht. Dass es für die Titelheldin abwärts gehen wird in den nächsten anderthalb Stunden, daran lässt schon der erste Moment dieser Inszenierung keinen Zweifel. Der kunstvoll arrangierte Parcours aus gefüllten Wassereimern auf schiefer Ebene ergießt sich samt Hauptdarstellerin mit markerschütterndem Schrei der ersten Zuschauerreihe beinahe bis auf den Schoß. Doch ...

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Theater heute Oktober 2010
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Silvia Stammen

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