«Marco war en Schmusekind»
Dieser Text lässt sich nicht einfach abschütteln. Er nistet sich ein, beißt sich fest, kriecht ein paar Nächte lang übers Kopfkissen. Er hinterlässt Bilder eines abscheulichen Verbrechens: Nach der Lektüre sieht man mondbeschienene Feldwege vor sich, leere Bierkästen Marke «Sternburger» und Springerstiefel, die nach einem erschöpften Körper treten. Man hört einen betrunkenen Teenager panisch «Ich bin ein Jude» lallen und später das Krachen von Knochen. Dabei hat man in diesem Text weit mehr erfahren als das, was in dieser schnapsschweren Sommernacht geschah.
Der Mord von Potzlow, verübt am 13. Juli 2002, ist längst durch die Presse gegangen. Damals haben drei junge Kerle, das Brüderpaar Marco (23) und Marcel (17) Schönfeld und ihr Kumpel Sebastian Fink (auch 17), den 16-jährigen Marinus Schöberl mehr zufällig als systematisch stundenlang gequält und gedemütigt, ihm schließlich nach mehreren Anläufen den Schädel zertrümmert, seine Leiche in der Jauchegrube eines alten Schweinestalls verscharrt und sich zu Bett gelegt. Das Verbrechen machte auch deshalb Schlagzeilen, weil Marinus’ Leiche erst nach sechs Monaten entdeckt wurde, die Täter aus dem Dunstkreis der Neonazis kamen und weil ...
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Kann man Äpfel mit Birnen vergleichen? Natürlich kann man. In beiden Fällen handelt es sich um Früchte, die aus Schale, Fruchtfleisch und einem Gehäuse bestehen. Wie aber steht es um Nazi-Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika nach den Anschlägen des 11. September? Ist auch hier eine sinnvolle Vergleichsbasis, ein tertium comparationis gegeben?
Talbot...
Den ganzen Tag über schon hatten sich die Menschen an den Händen gefasst, hatten Lichterketten gebildet und waren bedrückt, gleichwohl befreit vor Gräbern und an Mahnmalen gestanden. Präsidenten beschworen den Frieden, Veteranen gedachten der letzten verhallten Schüsse, das Volk schwenkte Fähnchen: Nie wieder! Der Krieg war 60 Jahre vorbei an diesem Muttertag im...
Es war keine Magie im Spiel bei jenem «Unverhofften Wiedersehen», das Johann Peter Hebel in seiner bekannten Kalendergeschichte beschrieben hat. Eisensulfat hatte den Körper des jungen Bergmanns konserviert, den man fünfzig Jahre nach einem Minenunglück wiederfand. Grau und gebeugt trat eine Frau an die Bahre und erkannte das jugendliche Gesicht ihres Verlobten....
