Die Kunst der Fuge

Christoph Klimke nach Pasolini «Die nackten Füße»

Theater heute - Logo

Ein junger Mann von engelhafter Schönheit bricht in die gediegene Langeweile einer Mailänder Industriellenfamilie, bringt erotische Erleuchtung und hinterlässt Chaos und Wahnsinn. Nacheinander lassen sich die Familienmitglieder mitsamt dem Dienstmädchen von dem mysteriösen Gast faszinieren und verführen, der so plötzlich wie er gekommen ist auch wieder verschwindet. Bei den Zurückgelassenen bewirkt diese Begegnung mit dem durch Sexualität vermittelten radikal Anderen tiefgreifende und nachhaltige Wandlungsprozesse.

Die herrschende Ordnung gerät aus den Fugen, irreversibel und mit fatalen Folgen für jeden einzelnen. Pier Paolo Pasolinis Film «Teorema» (Theorem = Lehrsatz) wurde bei der Filmbiennale von Venedig 1968 zum Skandal. Er provozierte wütende Kritik: von Kirche und Konservativen wegen des alle Grenzen sprengenden Konzepts einer sakralen Sexualität, von der Linken, die den Film als reaktionär und mystizistisch brandmarkte. 

 

«Was passiert, wenn ein junger Gott eine bürgerliche Familie besucht?», ist Pasolinis Ausgangsfrage, und er selbst gibt zur Antwort: «Der Besuch sprengt alles, was die Bürger über sich wissen, in die Luft, dieser Gast ist gekommen, um zu zerstören. Seine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2005
Rubrik: Chronik, Seite 67
von Sabine Heymann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Arbeit am Fundament

Seit einem Jahr ist Sewan Latchinian Intendant der «Neuen Bühne» in Senftenberg. Abends ist es hier still. Der Senftenberger See, ein ausgekohltes ehemaliges Tagebaurevier (1973 auf staatliche Weisung geflutet), ist mit seinen 1300 Hektar Wasseroberfläche, Tiefe bis 19 Meter, der erste in einer sich weithin verflechtenden Seenkette, die diesem ausgepowerten...

Weniger bringt mehr

Heute: Wirklichkeitsflimmern! Die Wirklichkeit ist von vornherein so beschaffen, dass man sofort mit ihr spielen möchte, auch als Kind. «Vater, Mutter und Kind» ist die Form für die unmittelbare Umsetzung häuslicher Frustrationen und Konflikte ins Spiel. Die Abbildung ist der erste Schritt zur Bewältigung. Dabei muss der Wirklichkeitsbezug unmittelbar und direkt...

Das unheimliche Gefühl für Kontinuität

Am 13. März 1938 sollte es zu einer Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs kommen. Am 10. März setzte Hitler diese Volksabstimmung ab und ließ Pläne für den Einmarsch der deutschen Soldaten in Österreich ausarbeiten. Im «Berchtesgadener Abkommen» vom 12. Februar 1938 hatte der Bundeskanzler Schuschnigg dem Druck Hitlers nachgegeben. Die österreichische...