Im Schatten der Sphinx

Roland Schimmelpfennig im Gespräch über das Hamburger «Anthropolis»Projekt, sein neues Stück «Laios», die Sprache des Erzählens und Lina Beckmanns grandiose Performance

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Franz Wille Eins der großen Ereignisse dieser Spielzeit ist die «Anthropolis»-Serie des Hamburger Schauspielhauses in der Regie von Karin Beier: fünf Stücke, teils Übersetzungen, teils neu geschrieben nach mythischen oder antiken Vorlagen um die Stadt Theben. Insgesamt ein riesiges Projekt, selbst für die Verhältnisse eines großen deutschsprachigen Stadttheaters. Alleinautor und -übersetzer: Roland Schimmelpfennig.

Wer ist denn wann auf diese im besten Sinn unbescheidene Idee gekommen? 
Roland Schimmelpfennig Karin Beier hat sich – das muss etwa im späten Herbst 2020 gewesen sein – mit der Idee an mich gewandt, die Geschichte des antiken Theben zu erzählen. Sie rief mich an, beschrieb die ersten Grundgedanken des Projekts und sagte, dass sie sich wünsche, dass die Texte, auch bei möglicherweise sehr unterschiedlichen Zugriffsweisen auf die jeweiligen Vorlagen, am Ende alle aus der Hand desselben Autors kommen sollten. Ein paar Wochen später haben wir uns dann getroffen, da war auch die Dramaturgie dabei und Johannes Schütz – das war also mitten in der Pandemie, mit Masken in einem sehr gut gelüfteten, eiskalten Raum. 

FW Wie lange war die Schreibphase? 
Schimmelpfennig Muss kurz nachrechnen – das müssten so zweieinhalb Jahre insgesamt gewesen sein. Es war schon eine wahnsinnige Situation: Pandemie, draußen ging die Welt unter, das Fernsehen übertrug Bilder von Tausenden von Särgen, Lockdown, auf den Straßen und in der ganzen Stadt bleierne Stille, und ich saß am Schreibtisch und habe «Ödipus» übertragen, ein Stück, das mit der Beschreibung einer tödlichen Epidemie beginnt. «Ödipus» deshalb zuerst, weil das Stück mir das Schwierigste und Umfangreichste schien. Bald ging es aber auch um die anderen Stoffe, gerade die freieren, neu zu kreierenden Teile, zuerst der «Prolog», dann später «Iokaste». Gerade bei «Iokaste» haben Karin Beier, die Dramaturgin Sybille Meier und ich uns sehr genau darüber abgestimmt, was aus den nicht ganz unproblematischen Vorlagen, Aischylos’ «Sieben gegen Theben» und Euripides’ «Phoenizierinnen» werden könnte. Das Scheitern der Diplomatie war ein Thema, letztlich die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen – daraus wurde dann der für mich bedrückendste, politisch aktuellste Teil des Projekts. Im Hinterkopf arbeitete aber auch schon «Laios» – die rätselhafte Lücke im vorhandenen antiken Material zu schließen, schien mir unbedingt einen Versuch wert. 

FW Dann haben Sie die Corona-Zeit mit antiken Gewaltgeschichten überbrückt? 
Schimmelpfennig Größtenteils. Als ich am letzten Stück, «Antigone», gearbeitet habe, konnte man schon wieder reisen. «Antigone» ist der einzige Text, an dem ich teilweise in Griechenland gearbeitet habe. Auf dem Rückflug steckte ich mich dann im Flugzeug mit Corona an, bei zwei jungen Leuten, die mich neugierig fragten, was ich da in den Computer tippen würde. Wir flogen in der Abenddämmerung über die Ägäis, und ich erzählte ihnen die Geschichte von Ödipus, die sie nicht kannten. 

FW Man hätte sich ja auch optimistischeren antiken Vorlagen zuwenden können. Warum Theben? 
Schimmelpfennig Ich bin mir nicht sicher, ob es da so viele optimistische Vorlagen gibt …

FW … zumindest die «Orestie» endet doch ganz hoffnungsvoll mit der Gründung einer demokratischen Ordnung … Schimmelpfennig … Naja – zum einen hat Karin Beier die «Orestie» schon gemacht, und zum anderen schien es doch sehr schlüssig, sich die Stadtgründung Thebens auf dem Theater genauer anzusehen, also im Grunde die Anfänge unserer westlichen Zivilisation als urbaner Lebens- und Staatsform. Gleichzeitig hat Karin Beier immer auch die Begegnung von Rationalität und Irrationalität interessiert – ein Aspekt, der sich durch den ganzen Stoff zieht: angefangen mit den «Bakchen», die bei uns dann zu «Dionysos» wurden, kulminierend vielleicht in «Ödipus» mit den zusätzlichen Texten über das Orakel. 

FW Es sind alles Stoffe der Selbstzerstörung einer Polis durch fehlgeleitete Vernunft: In «Dionysos» fällt Pentheus seinem Aufklärungswillen zum Opfer; «Laios» beschreibt den vergeblichen Versuch, einer Prophezeiung zu entgehen; in «Ödipus» findet sich der Wahrheitssucher selbst als Schuldigen; in «Iokaste» zerstören sich zwei gleichberechtigte vernünftige Herrschaftsansprüche gegenseitig, in «Antigone» scheitert alles am unmenschlich dogmatischen Richterspruch Kreons. 
Schimmelpfennig Über all dem schwebt, sirrt und droht das Orakel von Delphi, die Stimme des Gottes eventuell – vielleicht ist das alles aber auch nur manipulierter Firlefanz, unverständliches Gemurmel einer in Rauchschwaden hustenden Priestererin. Ist das alles nur Erfindung, oder ist es doch wahr? Diese nicht mehr rational auszulotenden Tiefen des Stoffes, die Grenzmomente, wenn plötzlich etwas eingreift, das kein Mensch mehr kennt, begreift, das niemand mehr kontrollieren kann, waren während des ganzen Prozesses immer wieder Thema. 

FW In «Laios» schwebt und schwirrt vor allem die Sphinx, die geflügelte Katzenfrau, als unerklärliche Gewaltdrohung über der Stadt. Im Stück verkörpert sie nicht so sehr eine äußerliche Gefahr als die Gestalt gewordene eigene Angst der Bewohner. Alle werden irre an sich selbst. 
Schimmelpfennig Über Laios als Figur weiß man relativ wenig, da ist nicht viel überliefert, aber trotzdem finden sich Mythenvarianten, und in einer davon ist Laios der Vater der Sphinx, die er mit einer Art Ungeheuer im Wald zeugt, das ist Echidna, eine Schlange mit wunderschönem Gesicht. Damit wäre Laios gleichzeitig der Vater des «Rätsels», also der Sphinx, wie auch der Vater des «Rätsellösers», Ödipus. Die Sphinx und Ödipus sind Geschwister. Daraus habe ich eine Art Paranoia-Situation gemacht. Laios wird die Tochter am Himmel nicht los. Sie hört nicht auf, in seinem Kopf zu singen. In «Ödipus» fragt Ödipus Kreon an einer Stelle – das war für mich der erste Auslöser –, warum der Mord an Laios nicht längst aufgeklärt wurde, warum sich keiner darum gekümmert habe, als damals der König umgebracht wurde. Kreon antwortet, das sei nicht möglich gewesen, weil die Sphinx alle in ihren Bann geschlagen hatte, niemand vermochte noch, einen klaren Gedanken zu fassen. «Die Sphinx mit ihren schillernden Gesängen erlaubte uns nur noch, darauf zu schauen, was vor uns lag, Schritt für Schritt, Meter für Meter, da gab es keinen Blick zurück in all das Dunkel hinter uns.» Dem bin ich nachgegangen, und so entstand dann eine Art von fortwährendem Alptraum, in dem Laios sich selbst begegnet. 

FW Die Geschichte zeigt auch die Grenzen menschlicher Autonomie und Handlungsfähigkeit, denn letztlich setzt sich das Geschehen aus zahllosen Zufällen zusammen. Was wäre beispielsweise passiert, wenn sich Ödipus und Laios nicht an diesem seltsamen Kreuzweg getroffen hätten? 
Schimmelpfennig Wo biegt die Geschichte falsch ab? Hätte man das Kind nicht ausgesetzt, hätte es den Mord nicht gegeben. Stimmt das? Ist das so? Wäre das so gewesen? Aber was wäre dann passiert? 

FW Warum ist Laios eigentlich immer die Leerstelle des Mythos geblieben?
Schimmelpfennig Es gibt verschollene Werke der antiken Klassiker zu der Figur. Es gibt auch eine zeitgenössische Bearbeitung von Wajdi Moua -wad, die ich nicht kenne, auch nicht kennen wollte. Warum sonst niemand – oder niemand, von dem ich Kenntnis habe – sich des Stoffes angenommen hat, weiß ich nicht. Nur eine Vermutung: Es ist eine aufgrund der unterschiedlichen Quellenlagen sehr widersprüchliche Figur, und man hätte sich in einem klassischen Theaterkontext für eine der Varianten entscheiden müssen. Ich empfand das für mich als eine Stärke des Stoffs, sodass ich verschiedene Möglichkeiten variieren und auf -fächern konnte. Der entführte Chrysippos taucht in verschiedenen Varianten auf, aber mit enormen Unterschieden – was ist das Thema, Kindesmissbrauch oder eine große, erotische, am Ende tragische Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern? Es gibt eine ganze Reihe anderer offener Stellen. Solche Möglichkeitsräume hat es in früheren Jahrhunderten im Theater einfach noch nicht gegeben. 

FW In Ihrem «Laios» bleibt offen, welche Variante des Mythos Fakt ist. Ist das ein Verweis auf die Schwierigkeit faktischer Wahrheitsfindung? 
Schimmelpfennig Für mich ist entscheidender, dass die Varianten letztlich auf dasselbe hinauslaufen. Dominiert wird Laios, der versucht, sich dem übermächtigen, menschenfernen Orakel zu widersetzen, am Ende von einer irrationalen Angst. Er hat etwas getan, von dem es hieß, er hätte es nicht tun dürfen. Zuerst definiert er sich als freies Individuum jenseits des Willens der Götter, dann aber brechen er und Iokaste ein, es überkommt sie reine Panik. Und daraus folgt die unglaubliche, durch nichts zu erklärende Gewalt, die dem Säugling angetan wird, nämlich, dass ihm Laios und Iokaste die Füße durchbohren, bevor sie es aussetzen lassen. 

FW Aber Iokaste und Laios bringen ihr Kind nicht um, davor schrecken sie dann doch zurück. 
Schimmelpfennig Sie wollen, dass es stirbt, sie misshandeln das Kind, aber sie können es nicht eigenhändig töten. 

FW Über die fünf Teile von «Anthropolis» wechseln die formalen Zugriffe immer wieder: Es gibt Folgen, die stärker dem antiken Vorbild entsprechen – Dialoge und Chorpassagen –, es gibt Variationen davon. Im Fall von «Laios» handelt es sich eher um eine Art rhythmisiertes Erzählen in prosanahen Kurzversen, das offen lässt, ob es der Monolog einer Figur ist oder ob die einzelnen Verse chorisch verteilt werden. Wie ist diese Lösung entstanden? 
Schimmelpfennig Das ist eine fast musikalische Frage. Diese «lyrische Form» ist eine Vorlage für gesprochene – und damit auch gehörte – Sprache. Man kann den Text natürlich lesen, aber er ist eindeutig für das Theater gedacht, er soll gespielt werden. So, wie der Text gesetzt ist, macht er einen Vorschlag, wie er zu sprechen sein könnte. Und dann löst er sich aus der Textform und wird zu dem Erlebnis, das der Abend in Hamburg mit Lina Beckmann in der Regie von Karin Beier auf der Bühne ist. Wenn Lina Beckmann den Text spielt – oder wie sie neulich sagte, wenn sie ihn «tanzt» –, dann ist das eine Performance mit weit mehr Dimensionen als der des «Erzählens». Erotik, Leidenschaft, Analyse, historischer Kurzabriß, Kopfkino, Abstecher ins Maskenspiel, politischer Diskurs, Komik, Empathie, Verzweiflung, Entsetzen, Groteske: All das steht in Linas Spiel – allein auf der großen Bühne – ohne sich zu widersprechen nebeneinander. Der Text ist bildhaft – aber durch Linas Spiel wird er plötzlich körperlich. Sie macht die Erzählung nicht nur zu «ihrer Sache», es ist, als würde sie zu ihr. Man spürt den Fahrtwind in den Haaren, die beiden Jungs auf dem Pferdewagen – Chrysippos und Laios – durch die Nacht preschen, weil sie von Zuhause abgehauen sind, und man sieht die Tür, die splitternd auffliegt, wenn Laios sich nicht länger dem Spruch des Orakels beugt.

FW Speziell «Laios» – und das ganze fünfteilige «Anthropolis»-Projekt – ist aber auch eine Reflexion politischer Theorie von Demokratie und Urbanität. Es gibt unter anderem Passagen der thebanischen Bürgerschaft, bevor Laios als König eingesetzt werden soll, in denen die Hoffnung auf «Ordnung, Maß und Vernunft» ausgesprochen wird. Auch auf Demokratie. Aber dann wird doch der autokratische Herrscher zurückgeholt mit dem lapidaren Hinweis, mehr ginge gerade nicht. 
Schimmelpfennig (lacht) «Mehr ist gerade nicht drin» – ja, die Stelle hat Spaß gemacht zu schreiben. Der Chor wechselt in allen Stücken immer wieder die Haltung – mal ist er feige, mal opportunistisch, mal besserwisserisch, mal überschwänglich; der Chor hat schon in den antiken Vorlagen sein psychologisches Eigenleben, könnte man sagen. Bei «Laios» hat er nun Gelegenheit zu erörtern, was passiert, wenn die Bürgerschaft wirklich regiert – was sie aber nicht kann, weil sie doch den tradierten Vorstellungen des Systems unterworfen ist, weil es für sie unvorstellbar ist, dass nicht die Erben von Kadmos, dem Drachentöter, regieren. Da muss man 2500 Jahre zurückspringen, um das zu verstehen. 

FW Stichwort 2500 Jahre zurückspringen: Einerseits ist der Chor das politisch Modernste, denn er hat ja schon eine Idee von rationaler Bürgerherrschaft im Kopf, andererseits bleibt er dann doch wieder reak -tionär und unterwürfig. Diese Sprünge von der Antike ins Heute und zurück ziehen sich durch den ganzen Text, die ganze «Pentalogie». Diese Brüche sind sehr genau gesetzt; wie funktioniert das beim Schreiben? 
Schimmelpfennig Das ist für mich so ein innerer Zerstörungsmechanismus: Der Chor hat die ganzen schönen Demokratieentwürfe formuliert, sich dabei aber auch verstrickt, verhoben und ins Abseits manövriert, und dann springt irgendwo eine Auto-Alarmanlage an, weshalb man den Rest des Textes nicht mehr versteht – das sind Überschneidungen, Überblendungen, in denen so etwas wie Gegenwart aufblitzt. 

FW Eine Technik, um die Einbildungskraft im Publikum über Politik und Ethik anspringen zu lassen?
Schimmelpfennig Ja, es ist so etwas wie der Versuch, das Stück und die Zuschauer kurz zurück ins Jetzt holen. Sei es in der Reflexion von Demokratie, protestantischer Ethik …

 FW … ein kleines Max-Weber-Zitat kommt auch vor …
Schimmelpfennig … ja, reingestreut, aber eher auf Wikipedia-Niveau. «Anthropolis» ist argumentativ, aber Diskurs und textliche Bilder stehen oft nebeneinander, die Texte springen hin und her. So kommt es, bei allen parallelen, sich wiederholenden Verhandlungsversuchen in «Iokaste» zu den Beschreibungen des explodierenden Schulgebäudes. So kommt es zu den Beschreibungen der Nachmittage am Bahndamm in «Laios», während alle auf den Schnellimbiss «Pythia» starren. Und so fährt gleich zu Beginn des Prologs ein Moped bei der Entführung Euro -pas in der Ferne durch die Ebene hinter dem Meer. 

FW «Laios» und das «Anthropolis»-Projekt als sozusagen antik-zeitgenössischer Zweitakter. 
Schimmelpfennig Genau.


Theater heute Mai 2024
Rubrik: Das Stück, Seite 52
von Franz Wille

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