Im Wunderland der enttäuschten Hoffnungen
Alles nette Leute. Und niemand sagt etwas allzu Böses. Nichtsdestotrotz dürften mindestens 35 Prozent von ihnen demnächst AfD wählen, wenn man auf die Umfragen hört. Die Gründe sind sicher vielschichtig, aber wer sich dafür interessiert, warum die rechtsextreme Partei in Ostdeutschland bald Ministerpräsidenten stellen könnte, kommt um Lukas Rietzschels «Das beispielhafte Leben des Samuel W.» kaum herum.
Das «Theaterstück aus Interviewsequenzen», so der Untertitel, besteht aus montiertem Schnipselmaterial von über 100 Gesprächen, die der Autor zwischen Januar und September 2022 geführt hat; ein paar davon sind frei erfunden: «Genau lässt sich das nicht mehr zuordnen, schade», meint er. Kein großes Malheur. Rietzschel hat einmal kräftig umgerührt in der Ursuppe der Meinungen, Erinnerungen, Projektionen, Hoffnungen und Erfahrun -gen im tiefen Sachsen.
Als Rahmenhandlung dient eine Bürgermeisterwahl des Amtsinhabers Bernd gegen einen schon als übermächtig gefühlten Gegenkandidaten, der sich am Ende überraschend zurückziehen wird, weil er inzwi -schen nach Höherem strebt als Stadtoberhaupt in der Provinz. Rietzschel dementiert, dass es sich bei «Samuel W.» um Sebastian Wippel aus ...
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Theater heute April 2024
Rubrik: Das Stück, Seite 52
von Franz Wille
Im Alltag kleiner Dinge lauert hier manchmal das Abenteuer. Und das Theater steht mittendrin: in der Heidelberger Altstadt. Gleich nebenan ziehen Legionen von Touristen vorbei, vom Bismarckplatz herauf durch die Hauptstraße, an der Uni vorbei und am «Güldenen Schaf», hin zur Heiliggeistkirche; und die Sprachen aus der Fremde mischen sich mit den fremden Sprachen,...
Zwischen weltabgewandter Verstiegenheit und künstlerischer Radikalität liegt manchmal nur ein hauchfeiner Grat. Auf dem balanciert, in beide Richtungen durchaus absturzgefährdet, Robert Borgmanns «Athena» im Marstall des Münchner Residenztheaters. Statt wohlmeinender «Eumeniden», wie der letzte Teil der Orestie bei Aischylos überschrieben ist, hat Borgmann den...
Nach Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine öffnen Helena (Nicole Averkamp) und ihr Sohn Luka (Simon Mazouri) ihr Zuhause für Olena (Vladlena Sviatash) und deren Tochter Marysja (Kateryna Kravchenko), die vor dem Krieg geflohen sind. Zwei Lebensrealitäten treffen so in Simone Geyers Inszenierung auf -einander, die im gemeinsamen Alltag ausgehandelt...
