Die Abwesenheit des Schreckens
Da ist diese eine Szene, in der Sandra Hüller lacht. Sie liegt im Bett, das einen Meter entfernt ist von ihrem Mann, eine unüberbrückbare Distanz in dieser ziemlich toten Ehe. Ihr Mann (Christian Friedel) ist Rudolf Höß, der das Konzentrationslager Auschwitz aufgebaut hat und die planmäßige Vernichtung von Juden perfekt bürokratisch verwaltet. Wenn er in diesem Film spricht, dann meistens in sein Telefon, wo er in präzisem Bürokratensprech Anweisungen zum Töten diktiert.
Seinem Pferd flüstert er «Ich liebe dich» zu, seiner Tochter liest er mit liebevoller Einschlafstimme «Hänsel und Gretel» vor, wie die Hexe im Ofen verbrennt.
In den Öfen hinter der Mauer um seine heile Welt verbrennen täglich 10.000 Menschen. Darüber wird nicht gesprochen. Als Hedwig, die Mutter seiner fünf Kinder, Sandra Hüller mit stramm geflochtenen blonden Zöpfen, die unauflösbar auf ihrem Kopf festgetackert sind, diesen einen Versuch wagt, mit ihm ins Gespräch zu kommen, «grunzgrunz» kichert, kommt das große Zuschauererschrecken: Hat frau tatsächlich einen Moment Hoffnung gefasst, in diese kalte Ehe könnte ein Hauch Wärme geraten – und alles wäre gut? Ist frau zu Hedwig Höß geworden, von Sandra Hüller mit ...
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Theater heute Februar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Barbara Burckhardt
Es ist immer wieder interessant, an Nazi-Kontinuitäten erinnert zu werden – dass etwa im Jahr 1988 Thomas Bernhards Uraufführung von «Heldenplatz» nur unter Polizeischutz stattfinden konnte und einen der größten Theaterskandale Österreichs der Nachkriegsgeschichte auslöste. Bernhard, der im Stück den fortdauernden Antisemitismus in Gesellschaft und Kulturbetrieb...
Die Ungleichheit in Deutschland wächst, der Gini-Koeffizient für die Vermögenskluft ist auf hohe 0,81 angestiegen. Aber sozialer Widerstand will sich nicht regen. Zu tief ist die meritokratische Ideologie und die wie auch immer illusorische Aufstiegserwartung in alle Bevölkerungsschichten eingesickert.
Insofern ist es verdienstvoll, dass sich zwei Berliner Bühnen...
Nach dem langen Premierenschlussapplaus setzt sich Shlomi Shaban, zuständig für «Songwriting und Komposition», noch für eine Zugabe ans Klavier und versammelt alle auf der Bühne um sich. Man müsse «Bucket List», den einzigen Song, der es nicht in die Inszenierung geschafft habe, wenigstens auf diese Weise anständig beerdigen. Es folgt eine leicht wehmütige Balla...
