Mehr als einfach gut gemacht

Nach zwölf symbiotischen Jahren mit der Freien Szene verabschiedet sich Franziska Werner von den Berliner Sophiensaelen als Künstlerische Leitung

Im Mai 2011 tauchte an der Karl-Marx-Allee plötzlich ein großes Schild auf, direkt vor dem ehemaligen kleinen Bungalow am Haus der Statistik. Darauf war in schönster Ferienkatalog-Ästhetik der Entwurf des geplanten Bauvorhabens «Berlin del Mar» zu sehen, eine Ferienhotelanlage mit King-Size-Pool, in Kooperation mit TUI.

– Hier?, fragte man sich natürlich, direkt am Alexanderplatz zwischen Touristentransfers und trostlosem Event-Shopping? Und ausgerechnet im Haus der Statistik, dem riesigen, maroden 70er-Jahre-Kasten, in dem nach der Wende vorübergehend die Gauck-Behörde Stasi-Akten sichten ließ? Auf den ersten Blick befürchtete man ein neues Imageprojekt der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die die Hauptstadt damals penetrant als «Strandbar-Metropole» vermarktete. Doch bald entpuppte sich «Berlin del Mar» als temporäre Theater-Adresse für ein gleichnamiges Performance-Festival, das sich mit Berlins urbaner Mitte als «Creative City oder touristischem Hyperraum?» auseinandersetzen wollte – eben mit dem Verschwinden der kulturellen Freiräume in der Stadt. Als Bauherrin firmierten die Berliner Sophiensaele, deren eigene Immobilie zwischenzeitlich renoviert wurde.

Es war Franziska ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Bilanz, Seite 52
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Im Perspektivwechsel

Zuletzt sahen wir uns vor sechs Jahren auf dem Markplatz von Altenburg in Thüringen. Bernhard Stengele war hier damals noch Schauspieldirektor der Städtischen Bühne im Verbund mit dem Theater in Gera. Er kam mit einer Baskenmütze und knallroten Schuhen, ein Künstler, der auffiel in dem kleinen Ort mit der riesigen Kirche. Und er kam, um seinen Abschied zu...

Zeit- und steißvergessen

Abends sinken die Temperaturen dann doch unter vierzig Grad. Die steinernen Sitzbänke im weiten Rund des Amphitheaters sind aber immer noch so aufgeheizt, dass man sie gut als Herdplatte nutzen könnte. Das weite Rund oben am Berg, etwas abseits des Küstendorfes Epidaurus, fasst maximal 14.000 Zuschauer:innen. An diesem Abend zugelassen sind «lediglich» 9000. Der...

Aus Gründen

Alles ist klar, noch bevor irgendetwas erzählt oder gespielt wurde. Selbst mir, zugezogen, ohne nennenswerte Kenntnis der Lokalgeschichte, ist klar, was am Ende dieses Theaterabends über den Bombenanschlag auf eine Gruppe Sprachschüler:innen in Düsseldorf im Jahr 2000 stehen wird: eine Mehrheitsgesellschaft, die schweigt und rasend schnell vergisst; eine Polizei...