Endlich frei!
Zuallererst ist da ein Haus. Ein Konstrukt. Ein System. Es beherbergt un -sere Geschichten. Manches erzählt es, vieles versteckt es. Man muss die Verstecke finden, um alle Geschichten zu entdecken. Nicht nur die, die beim ersten Anblick offenbar werden. Sondern auch die, die wir zunächst übersehen haben. Denn tief im Boden schlummern und grummeln sie.
Sivan Ben Yishai stellt sich vor dieses Haus, Heimat des Patriarchats, Herberge des weißen Feminismus, seine Mauern sind stabil. Sie betrachtet es. Sie schaut darunter. Sie öffnet seine Türen.
Kann man es umbauen? Sollte man es umbauen?
Im Titel ihres neuen Stücks, «Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert», steht sie schon, die Antwort: Nein, man sollte dieses Haus nicht umbauen, man sollte es kompostieren. Also in seine Einzelteile, seine Atome, Teilchen zerlegen, besser noch, es sollte sich selbst zerlegen. Es soll sich zersetzen und zu Humus werden. Doch kann auf diesem Humus etwas Gutes wachsen? Ja, es kann.
Einer der ersten Sätze des Stücks bildet den Schlüssel hierzu: «I found myself / For the first time / In front of the house / Not part of it / For the first time / On the other side of the house / Just looking at it.» ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Neue Stücke, Seite 143
von Nora Khuon
2023 werden voreilig «postpandemische Zeiten» ausgerufen, und daher erscheint Marcus Peter Teschs neues Stück genau zur richtigen Zeit. Während alle Welt sich noch mit künftigen Pandemien in Folge des Corona-Virus beschäftigt und sich im Glauben wiegt, für kommende Pandemien besser gewappnet zu sein, lenkt Tesch den Blick auf eine andere Pandemie. Seit 1983 ist...
Seit Jahrhunderten verzichten Frauen*. Sie verzichten auf ihre Karrieren, auf ihr Essen, auf ihre Selbstbestimmung, ihr Geld, ihre Freiheiten, ihren Orgasmus. Sie verzichten, weil sie müssen, weil es ihnen von außen aufgetragen wird. Damit das Ungleichgewicht im Gleichgewicht bleibt. Damit das Patriarchat florieren und sich seine Säulen tiefer in die Erde...
Die Idee zu «Prima Facie» kam Suzie Miller bereits während ihrer Zeit als Jurastudentin, lange bevor sie Dramatikerin wurde. Doch erst nach Jahren der Tätigkeit als Strafverteidigerin und Anwältin für Menschenrechte bot sich ihr die Gelegenheit, das Stück zu realisieren. Die #MeToo-Bewegung hatte Millers Wunsch bestärkt, eine feministische Befragung des...
