Klassiker unter sich
Ziemlich sportlich, wie das Maxim Gorki Theater Kafkas «Amerika»-Roman liest: eine Textraserei, in der sich das achtköpfige Ensemble nicht nur den 16-jährigen Protagonisten Karl Roßmann reihum zuwirft, auf kreiselnder Drehbühne im Dauerlauf durch den Szenenparcours hechtet, von verzerrt-verfremdeter Sprechhaltung zu verbogenen Körpern switcht, getrieben von Kling-Klang-Klong-Geräuschen wie gute alte Flipperkugeln, die immer noch einmal den High Score brechen wollen. Kafka auf Speed.
Dabei war es nur eine Frage der Zeit, bis nach den zahlreichen Exil-Erzählungen des Hauses einmal die Perspektive umgedreht wird: Wie war das damals vor hundert Jahren, als nicht Europa das Wunschziel der vielen war, sondern die Europäer die Flucht ergreifen mussten vor Hunger und Verfolgung, vielleicht auch nur vor einem kleinen Skandal, wie der junge, gutbürgerliche Karl Roßmann aus Prag nach seiner Affäre mit dem Dienstmädchen. «Der Verschollene», so Kafkas ursprünglicher Titel, erscheint in New York aus dem Unterdeck eines Atlantikdampfers mit nichts als einem Regenschirm und einem Koffer, um in der fremden Welt mit ihren merkwürdigen Menschen und deren undurchschaubaren Regeln nur immer weiter ...
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Theater heute März 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
«Wo steht unser Mandelbaum?», fragte die Lyrikerin Hilde Domin im Exil der Dominikanischen Republik in den 1940er Jahren. Der Baum als Symbol für ein Zuhause der Kindheit. Für sie stand er in Köln. Und ihre Heimat war die deutsche Sprache. «Wo steht dein Maulbeerbaum?», fragt die georgische Regisseurin Tamó Gvenetadze heute in Bochum. Für sie stand er in der Stadt...
Ein juristisches Gutachten liegt seit dem 10. Oktober 2022 auf dem Schreibtisch von Claudia Roth, der Staatsministerin für Kultur. Veröffentlicht wurde es erst Ende Januar. Offenbar haben die Hausjurist:innen im Kanzleramt drei Monate gebraucht, um die Tragweite möglichst eigenunschädlich zu verdauen und unauffällig zu kommunizieren.
Das zu klärende Problem hatte...
Da steht es, das vielgepriesene Werk. Hoch auf der Statue, wie ein Denkmal. Die Taschenbuchausgabe von Albert Camus, «L’Étranger», «Der Fremde». Immer noch einen Gipsblock schichten die Schauspieler auf, um das Werk des Nobelpreisträgers in schwindelerregende Höhen zu hieven. Aber steht es da richtig, so weit oben?
Nein, sagt Mounir Margoum. Camus schreibt,...
