Selbstbeobachtung mit Rezeptionsgeschichte
Racines «Phaedra» spielt man am liebsten auf Eis (wie Martin Kušej 2017 in München) oder zumindest auf weißem Sand (Johannes Schütz in Köln 2011): kunstvoll kristallisierte frostige Sprache gegen heiße Gefühle. Aber Ersan Mondtag erhitzt die Tragödie, bis sie in Sprechblasen zerplatzt. Aus zu viel Ernst wird zu viel Spaß.
Ersan Mondtags Bühne ist eine vergrößerte, liebevoll zusammengesammelte Installation von Playmobil-Häusern und -Figuren.
Man erwartet so etwas wie die «Klassiker der Weltliteratur to go», die der Ulmer Dramaturg Michael Sommer seit Jahren mit Playmobilfiguren bei YouTube präsentiert. Alle Darsteller:innen tragen anfangs auch starre Halbmasken, wirken wie Plastikpuppen mit ihren steifen Gesten. Hübsch albern sind auch die flachen amerikanischen Straßenkreuzer, die wie die Bobbycars für Kleinkinder mit den Füßen bewegt werden, aber dennoch leuchtende Scheinwerfer und einen dampfenden Auspuff haben.
Aber Ersan Mondtag als Regisseur konterkariert diese Infantilität mit genderkritischer Exaltiertheit. Dabei wird die Grenze zwischen Schauspieler:in und Rolle verwischt: Auch die Rolle weiß, wie es enden wird, und der Schauspieler beobachtet sich selbst in seinem Be ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 1 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Gerhard Preußer
Der neue Festivalleiter Christian Watty kann zufrieden sein mit seinem ersten Festival ohne Corona-Beschränkungen. An Euro-Scene in Leipzig ist die Publikumskrise vorbeigegangen. Ausverkaufte Vorstellungen, wohin man schaut. Tänzerisch war es gleich vom Start an hochkarätig: Jan Martens mit GRIP und dem Dance On Ensemble und Tanz Mainz zeigten mit «Any attempt will...
Sogar die «BILD»-Zeitung ist begeistert und aktiviert Platz für eine Theaterrezension. Es ist ja auch wirklich zu komisch, wie der Wokeness mal so richtig schenkelklopfend der Prozess gemacht wird in der Molière-Überschreibung von Plinio Bachmann und Barbara Sommer am Schauspiel Köln. Höchst achtsam, spiegelnd, grenzwahrend und niemanden emotional erpressend sitzt...
Ich denke in Bildern, lebe in Bildern, sehe die Wirklichkeit oft nicht, wie sie ist, sondern bewege mich in Bildern der Phantasie. Manchmal weiß ich gar nicht, ob sie Wirklichkeit sind oder Phantasie. Freies, bildhaftes Assoziieren ist mir ein lebensnotwendiges Bedürfnis. Ich kann mich vor ein leeres Bühnenmodell setzen, ein zerknülltes Stückchen Papier...
