Keine Gedichte über Krieg

Vom Versuch, Zukunft zu imaginieren und die Rolle der Kunst. Eine Rede

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Es gibt keine Gedichte über Krieg. Es gibt nur Zersetzung, heißt es bei der Dichterin Lyuba Yakimchuk. Also zerlegt sie die Wörter: Lu-hansk; Do-nezk; und zum Schluss des Gedichts ihren eigenen Namen: Nicht mehr Lyuba steht dort, sondern nur noch «ba!». Wobei die Formulierung «zerlegt sie» falsch ist, denn die Wörter, die Orte, die Menschen sind bereits zerlegt, Yakimchuk schreibt nur auf, was stattfindet. «Sprache ist so schön wie die Welt, die sie umgibt.

Wenn jemand deine Welt zerstört, wird es die Sprache reflektieren», sagt die in der Donezk-Region geborene Autorin. Sie versteht sich als literarische Nachfahrin von ukrainischen Futuristen wie Mykhailo Semenko, der die Dekonstruktion in die ukrainische Lyrik brachte und, wie so viele andere Dichter:innen in den Jahren des Stalin-Terrors, erschossen wurde. 

Es gibt keine Gedichte über Krieg. Nur Zersetzung. Ich habe in den letzten Monaten versucht zu schreiben. Nicht über den Krieg. Einfach nur zu schreiben. Zwischen Telefonaten auf der Suche nach Wohnungen für Menschen, die fliehen. Auf der Suche nach Medikamenten, aufblasbaren Matratzen, Kinderschuhen, Badesachen, den passenden SIM-Karten. Ich hing in der Warteschleife des ...

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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Risiko, Seite 6
von Sasha Marianna Salzmann

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