​​​​​​​Revolution und Dokumentation

Das Festspielhaus Hellerau zeigt unabhängiges Theater aus Belarus und wie es sich auch im Exil entwickeln kann

Theater heute

Es war eine Art Klassentreffen des freien belarussischen Theaters, was das Festspielhaus Hellerau mit seinem Festival «Nebenan/Побач. Unabhängige Kunst aus Belarus» unter der kuratorischen Leitung von Johannes Kirsten organisiert hatte. Denn seit der brutal unterdrückten Revolution vom Herbst 2020 gegen die Wahlfälschungen von Dauerdiktator Lukaschenko befindet sich die Szene im Exil. Vor allem in Polen, dem Baltikum, aber auch im deutschsprachigen Raum sind sie untergekommen, hangeln sich von Residenz zu Residenz oder gehen anderen Projekten nach.

In Dresden kamen sie alle zusammen: Regieschaffende, Autorinnen und Autoren und natürlich Schauspielerinnen und Schauspieler, inklusive zahlreicher Personalunionen. 

Ein umfangreiches Panelprogramm bildet diese Problematik ab und bietet tiefe Einblicke in die aktuelle Lage und zum freien Theater im autokratischen System vor der Vertreibung. Dass der Krieg gegen die Ukraine die Fronten noch einmal zugespitzt hat und jetzt auch stärker nationale Töne als Antwort gegen den russischen Imperialismus – historisch wie aktuell – anklingen, fällt dem westlichen Beobachter auf. Dies entzündet sich etwa an der Sprachenfrage, denn in Dresden wurde Russisch auf den Panels gesprochen, da das Festspielhaus keine belarussische Simultanübersetzung organisieren konnte.

Aushalten!

Ein theatrales Mahnmal der Volkserhebung von 2020 ist die Performance «375 0908 2334 – The body you are calling is currently not available». Igor Shugaleev kniet in dieser 60-minütigen Performance mit dem Kopf gegen die Wand, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Auf die Wand wird zudem ein Countdown projiziert, zudem gibt es Live-Video. Ein Einführungstext, der während der ersten Minuten per Video eingespielt wird, liefert Kontext: Die Haltung sei eine, mit der verhaftete Demonstrierende über Stunden von der belarussischen Polizei drangsaliert wurden. Ein Spendenaufruf komplettiert das Statement, und die Zuschauenden werden aufgefordert, es ihm nachzutun. Tatsächlich sprechen einige ihn an, zwei begeben sich für einige Zeit in dieselbe Position, eine dritte nutzt die Bühne zu einer Protestmeditation gegen den Krieg in der Ukraine. Ansonsten bleibt nur Aushalten. 

Doch selbst dieses Aushalten ist in Belarus aktuell mehr als schwierig. Das Regime hat 650 Organisationen der Zivilgesellschaft auf einen Schlag verboten, wohl über 100.000 politische Häftlinge befinden sich in belarussischen Gefängnissen. Vor 2020 war es zwar nicht gut, aber besser. Es gab eine kaum finanzierte, aber doch sehr aktive kleine Theaterszene in Belarus, die sich vor allem mit dokumentarischen Formaten beschäftigte. Valentina Moroz und ihr Social Theater Lab aus Minsk ist dabei eine typische Vertreterin für diese Entwicklung. Sie arbeitete bis zu seiner Schließung am European College of Liberal Arts in Belarus und entwickelte dort zusammen mit Studierenden seit 2016 Theaterprojekte, die auf Interviews basierten.

Das 14-köpfige Team hat etwa zu häuslicher Gewalt recherchiert oder zu den Terroranschlägen in der Minsker U-Bahn von 2011. Nach den Protesten wurden viele Mitglieder der Gruppe verhaftet, mittlerweile sind sie im Ausland verstreut. «Wir haben verstanden, dass es kein freies Theater in Belarus geben kann», bilanziert sie trocken. «Dieser Raum existiert nicht mehr. Es ist nur im Ausland möglich.» 

Ein Panel heißt folgerichtig «Geschlossene Räume», und auch hier dominiert ein Gefühl der Ratlosigkeit. Alle Fenster, Nischen und Freiräume, die man sich mit Mühen geschaffen hatte, sind weg, die Gesellschaft wird aktuell von sogenannten Nicht-Patrioten, also liberalen Geistern gesäubert, und dazu zählen eben auch die in Dresden versammelten Theaterköpfe. Allerdings gab es, so heißt es auf den Podien, diesen Prozess bereits zuvor, die Zensur sei jedoch mehr und mehr verschärft worden. 

Heute ist jeder in Belarus eine Geisel, so Angelika Kraschewskaja, ehemalige Direktorin von ART Corporation in Minsk. Dabei war das freie Theater immer nach Westen orientiert, während die staatlichen Theater das klassische Drama mit klarer Orientierung gen Moskau propagiert hatten. Eine Spaltung, die typisch für die postsowjetischen Ländern ist und mit dem aktuellen Krieg noch einmal verstärkt wird.

Politischer Mord und Homophobie

Inhaltlich dominiert bei den meist dokumentarischen Theaterarbeiten das Thema Gewalt. Das Belarus Free Theater zeigte mit «Discover Love» eine Auseinandersetzung mit Irina Krasovskaya, deren Mann als Geschäftsmann Oppositionelle unterstützte und bereits 1999 von Lukaschenkos Schergen ermordet wurde. In klaren, emotionalen Bildern erzählen Natalia Kaliada und Nicolai Khalezin die Geschichte und die Recherche der Fakten um den politischen Mord. Der Dokumen -tarfilm «Courage», der noch bis zum 12. Juni auf arte zu sehen ist, widmet sich auch dieser Produktion. Auch die grassierende Homophobie wird in «P for Pischesky» künstlerisch bearbeitet, wobei der Abend ganz positiv in einem Rave endet. Dem Bild der belarussischen Frau widmet sich «Frau mit Automat» von Regisseurin und

Schauspielerin Aksana Haiko, die zusammen mit Sviatlana Haidalionak und der Komponistin Olga Podgaiskaya den Abend bestreitet. Schon das Eröffnungsbild zeigt das Spannungsfeld: Haiko sitzt als eine Art Babuschka mit traditionell wirkendem Kostüm, daneben steht Haidalionak im Brautkleid, was auch sofort Erinnerungen an die Bilder der Proteste weckt, die aber hier nicht bedient werden.

Über 90 Minuten erzählen die beiden Frauen in bisweilen abrupt wechselnden Stilen von den Projektionen und Erfahrungen einer Frau in Belarus. Private Probleme wie der Umgang der bösen Schwiegermutter mit der emanzipierten Frau, Vergewaltigungserfahrungen als #MeToo-Fernsehshow, satirisches Puppentheater mit wechselnden Männern, die alle eine Macke haben, und abschließend der Mythos einer Frau, die als Heckenschützin während der deutschen Besatzung Jagd auf deutsche Wehrmachtsoldaten in Brest gemacht hat. Der Abend ist so kurzweilig wie politisch, wozu nicht nur die Musik ihren Beitrag leistet, sondern auch die fantasievollen Kostüme von Sveta Husakova, die im ständigen Wechsel für Abwechslung sorgen. Die Arbeit ist bereits ein reines Exilprodukt, auch wenn Haiko eine der wenigen ist, die immer noch auch in Brest arbeitet, wenn sie nicht gerade eine Residenz im Ausland hat. 

Eine radikale Re-Lektüre der belarussischen Nationalgeschichte zeichnet auch Alexander Molchanovs Solo «Primitivi» von Alexei Andreev aus, der sich, begleitet vom Schlagzeug und Percussions von Dmitry Lukyachnik, auf die Suche nach einer Alena Kish macht, einer naiven Malerin, die seit den 1930er Jahren mit gemalten Wandteppichen über die Dörfer zog. Tagebucheinträge aus jener Zeit, Videos der Recherchereise durch das ländliche Belarus und Interviews mit Expert:innen spannen ein Panorama von Land und Zeit auf. Dabei setzt Regisseur Alexander Marschenko auf ästhetischen Minimalismus und gleichzeitig unkonventionellen Videoeinsatz auf eingeklappten Holztischen, wie sie zur Standard -ausstattung sowjetischer Küchen gehörten. Er streift durch das Dickicht der Kollektivierungen der 1930er Jahre und des damals (und heute) vorherrschenden Familienbildes und macht aus der kaum bekannten gesellschaftlichen Außenseiterin eine emanzipatorische Pionierin. 

Dem absoluten Heute und damit dem Leben im Exil im Ausland als einem Raum des begrenzten Kontakts widmet sich die Performance «Too Many Papers». Eine halbe Stunde lang zerknüllt Nadya Sayapina vor einem großen Videobild ihrer selbst Papier, das in großen Stapeln vor ihr liegt. An der Wand hängen Briefe, Zeichnungen und andere Eindrücke. Das geschriebene Wort reicht nicht, um die Eindrücke zu erfassen, den Kontakt zu halten. Umso wichtiger sind solche Räume, wie das Festspielhaus Hellerau sie hier geschaffen hat. 


Theater heute 6 2022
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Torben Ibs

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