Empfindsame Reisen

Ewelina Marciniak demontiert Goethes «Werther» im Deutschen Theater, Fabian Hinrichs und René Pollesch zelebrieren Postcorona-Sensibilität in der Volksbühne, und im Berliner Ensemble wird Wolfgang Borcherts Heimkehrer-Drama «Draußen vor der Tür» sprachgetrocknet

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Finanziell unabhängiger Bürgersohn, der einigen Wert auf sein Äußeres legt – gelbe Weste zum blauen Frack –, naturbegeistert und klassisch belesen, verliebt sich in verheiratete Frau und leidet so ausgiebig wie sehnsuchtsvoll, bis er sich umbringt. Goethes «Leiden des jungen Werther» lassen sich in einem Satz zusammenfassen, was den gefühlsbetrunkenen jungen Mann nicht dringender macht.

Anno 1771 mag der künstlerischintellektuell ambitionierte Dilettant für ein aufstrebendes Bürgertum noch einige Emanzipationsversprechen bereitgehalten haben, aber gegenwärtig entfaltet ein überhitzt selbstentzündeter Schwärmer wenig subversives Potential. Was tun? 

Die Frage nach zeitgenössischen Anschlussmöglichkeiten haben Regisseurin Ewelina Marciniak und ihren Dramaturgen Jaroslaw Murawski auf die letzten Werther-Stunden geführt, der nämlich laut Goethe nach dem Schuss in die Stirn noch einige Stunden stöhnend gelebt und gelitten hat. Was mag in seinem fiebernd-halbzerstörten Gehirn da vorgegangen sein? In die per Video eingeblendete Rahmenhandlung zwischen Knall und klinischem Ende fügen sie ein gutes Dutzend Szenensplitter, Fantasie-Lösungen und assoziatives Material zum Themenkomplex Liebe, ...

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Theater heute Mai 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille

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