Ein inneres Senkblei

Zum Tod unseres «Theater heute»-Kollegen und Bühnenbildners Martin Kraemer

Theater heute

Martin Kraemer lernte ich Mitte der 1980er kennen. Er studierte Industrie-Design an der Berliner HdK. Seine Diplomarbeit war ein appartmentgerechter, freistehender Mini-Küchenblock für Singles, von allen Seiten nutzbar mit unzähligen Schubladen, rausziehbaren Arbeitsflächen und vielen winzigen Stauräumen. Klein, aber perfekt. Eine Idee mit Zukunft. Er liebte bis ins feinste Detail durchdachte Produkte, weniger jedoch Geschäftsmodelle für deren merkantile Verwertung.

Später, als Lehrbeauftragter an der HdK, betreute er bei Ettore Sottsass ein Seminar zum Thema «Kaufen und Bezahlen – Formen der alternativen Übereignung». 

Wir gingen oft in die Westberliner Theater, ich von Berufs wegen, er als neugieriger Begleiter. Er hatte einen klaren und unvoreingenommenen Blick auf die Aufführungen und vor allem auf die Räume, was mir half, mir mein kritisches Bild zu machen, es vor allem noch einmal durch seinen anderen, mir eher fremden Fokus zu prüfen. Als er sein Diplom bestanden hatte, suchte er Arbeit, wollte aber nicht gleich aus Berlin fort. Vor allem nicht in die internationale, kommerziell orientierte Industrie-Design-Welt. Kleinformatige Bühnenbildmodelle, wie man sie damals noch baute, das war was für ihn. Theater sowieso. Die Weite des leeren Raums animierte ihn. Er selbst war größer als einsneunzig.

Lernen an der Praxis

Der damalige Chefdramaturg Klaus Völker vermittelte Martin Kraemer eine Bühnenbild-Assistenz an den Staatlichen Schauspielbühnen. Er lernte schnell und viel. Und mit kreativen und metiersicheren Szenografen wie Susanne Thaler und Hans Kleber ging er als gastierender Assistent in die weite(re) Theaterwelt, ans Münchner Residenztheater und ans Wiener Burgtheater. Er lernte aus der gemeinsamen Praxis, wie man Theatertexte in dramaturgisch und inszenatorisch stimmige Bilder und Räume übersetzt. Aber auch, wie große Apparate funktionieren und was man ihnen abverlangen kann. Die bespielte er später dann als Bühnen- und Kostümbildner mit selbstsicherem Charme und wacher Routine.

Vom großbürgerlichen Notarssohn aus dem saarländischen St. Wendel war es ein eher ungerader Weg ins Innere des oft betont unbürgerlichen Theaters der 1980er und 90er. Aber Martin Kraemer hatte von Haus aus ein inneres Senkblei in sich, das ihn selten schwanken ließ. Sein heller Humor half ihm hinweg über die Fährnisse in den komplexen Theatertankern. Seine unverbrüchliche Hilfsbereitschaft, die er privat in die Aktivitäten der Berliner AIDS-Hilfe einbrachte, machte ihn vor allem bei den Praktikern und Handwerkern auf und hinter der Bühne beliebt. 

Wichtige Regie-Partner waren u.a. Elke Lang, Hans Gratzer, Gerhard Willert, Franz Marijnen, Rosemarie Fendel und Falk Richter – weitgefächert wie Martin Kraemers ästhetische Neugier. Er arbeitete in Berlin und Wien, München und Brüssel, Mannheim und Zürich. Mit Lore Stefanek als Regisseurin brachte er 1991 in Atlanta, GA., eingeladen vom dortigen Goethe-Institut, eine Produktion von Georg Seidels «Carmen Kittel» auf die «7-Stages»-Bühne – ein für ihn neuer Theaterkosmos, ganz ohne Subventionen und enormes Overhead. Er «konnte» große Häuser und überlistete deren Strukturen, liebte aber die kleinen Bühnen ohne riesige Etats.

Martin Kraemer stellte seine künstlerischen Fähigkeiten nicht in den Dienst seiner persönlichen Handschrift, sondern der Inszenierung. Mit der Zeit wechselte er vom Bühnen- zum Kostümbild. Schauspielerinnen liebten seine einfühlsamen Entwürfe. Aber in einem Alter, wo man entweder selbst Regisseur wird oder aber längst Teil eines verschworenen Regieteams sein muss, wurden die Aufträge allmählich weniger. 

Martin Kraemer war Realist. Er wusste, dass ihm die Theaterarbeit auf Dauer kein hinreichend sicheres Auskommen mehr bieten würde. Er wollte, seinem Naturell und seinem Bewusstsein gemäß, in die Sozialarbeit wechseln, Altenpfleger werden. Stattdessen führte ihn sein Weg – es war meine «Schuld» – vor mehr als zehn Jahren zum Theaterverlag und zu «Theater heute». Seine allumfassende Kenntnis der Theaterwelt half bei der soliden Verankerung der Zeitschrift in ihrer angestammten Szene. Und im Verlag war er einer jener guten Geister, die für freudiges Gemeinschaftsgefühl bürgen. Er starb völlig unerwartet am 18. November an seinem Arbeitsplatz, kurz vorm Heimweg. 

Wir alle trauern um einen liebenswerten Kollegen und Freund – und ich persönlich um einen jahrzehntelangen Vertrauten. 


Theater heute Januar 2022
Rubrik: Nachruf, Seite 71
von Michael Merschmeier

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