Ring frei!

Ödön von Horváth «Geschichten aus dem Wiener Wald» am Burgtheater

Irgendwann landet Marianne, eines der vielen «süßen Wiener Mädels» des abgründigen österreichisch-ungarischen Dramatikers Ödön von Horváth, die keinen Platz im Leben finden, nackt als Tableau vivant in einem Varieté. Meist wird das eindeutig erotisch gedeutet. Johan Simons und sein Ensemble legen diese Szene aus «Geschichten aus dem Wiener Wald» im Burgtheater überraschend neu an: Maria Happel und Sarah Viktoria Frick machen daraus eine aberwitzige expressionistische Performance, entfremden Patriarchats-Symbole ironisch.

Sie cremen sich gegenseitig ein, zerbröseln eine Zigarre und kleben sie sich dann als falschen Bart ins Gesicht. Die beiden sind angezogen und keine erotischen Projektionsflächen. Sie finden tatsächlich ein Stück Freiheit in einer Kunstnische, die schon bald von den Nazis verboten werden wird. 

Wie zeigt man Unterdrückung, ohne sie auf der Bühne zu wiederholen? Wahrscheinlich eine der zentralen Fragen des Gegenwartstheaters. Horváth dekliniert in seinem artifiziellen Volksstück knallhart durch, wie einer jungen Frau, die aus der kleinbürgerlichen Welt entkommen möchte, das Genick gebrochen wird. «Du wirst meiner Liebe nicht entkommen», droht der Fleischer Oskar ...

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Theater heute Januar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Karin Cerny

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