Leere Mitte
«An Liebe stirbt man nicht», schrieb Jorinde Minna Markert kürzlich über Femizide im Theater, «man stirbt am Patriarchat.» Hier also noch so eine Bühnentote: «Yvonne, die Burgunderprinzessin». Eine unansehnliche, weitgehend stumme Frauengestalt, die der polnische Autor Witold Gombrowicz 1938 erfand.
Als provokanter Störfaktor erscheint die Fremde eines Tages bei Hofe, eine ausgezeichnete Projektionsfläche, die bei allen Anstoß erregt und in die sich Prinz Philipp gerade darum verliebt – oder vielmehr in sich selbst, in die Verwegenheit, sie zu begehren, in das eigene Aus-der-Reihe-tanzen. Am Ende muss sie, die den festgefahrenen Adel durch nichts an seine Grenzen bringt, natürlich sterben. Damit alles weitergehen kann wie zuvor.
Für das Schauspiel Frankfurt hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik das Stück ins Große Haus gestellt – oder besser: auf eine Scheibenwelt gesetzt. Denn in der Mitte der Bühne kreist eine weiße Ellipse, um sie herum gähnt ein Graben. In ihrer Mitte klappt ein ums andere Mal eine Spielfläche auf, die zur Rutsche werden kann, zum Abhang oder zum Abgrund. Eine leere Mitte, wie ja auch die Titelfigur eine ist. Bei Koležnik darf sie übrigens noch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Esther Boldt
Dieser Typ – breite Schultern, ordentlich Bauchansatz und mehr Tattoos als Haut auf den nackten Armen – macht einfach weiter: Stoisch baut er aus ein paar Holzplatten ein Podest, schraubt Wände daran, befestigt Scharniere. Zufrieden steckt er kurz die Hände in die Hosentaschen, geht etwas zur Seite, raucht eine Selbstgedrehte. Dann baut er wieder. Ruhig und...
«Si ce texte était un texte de théâtre», «Wenn dies ein Theatertext wäre» – so beginnt Édouard Louis’ schmales Büchlein «Qui a tué mon père?» («Wer hat meinen Vater umgebracht?»). Es folgen eine Art Regieanweisung, Vorschläge für ein Bühnenbild – ein Weizenfeld, eine leerstehende Fabrik, eine Schulturnhalle, kurz: ein Raum, der großen Abstand ermöglicht zwischen...
Männer sind in der Literatur definitiv das schwache Geschlecht. Peter Handkes Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» (1966) wirkt im Vergleich zu Lydia Haiders feministischer Hass-Suada «Zertretung – 1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten» wie ein niedlicher Kindergeburtstag. Bei Haider wird kurzer Prozess gemacht mit prominenten österreichischen...
