Zwischenreiche
Der Hauptbahnhof Gelsenkirchen ist deprimierend. Überquellende Mülleimer, Geruch von altem Dö -ner, auf zwei Ebenen irgendwelche Shops, tätowiert herumstehende junge Männer. Und dann hat man das gelbe Schild mit dem QR-Code doch noch gefunden, steigt aufs selbst mitgebrachte Fahrrad und folgt den Pfeilen, die an Laternenpfählen oder Zäunen angebracht sind. Und befindet sich auf einmal, unerwartet schnell, mitten in unberührtem Grün.
Sieben «Naturbüro»-Podcasts haben loekenfranke aus Witten, eigentlich eine Filmproduktionsfirma, auf den rund sechs Kilometern nach PACT Zollverein verteilt; sie führen durch vorher nie wahrgenommene Waldwege, vorbei an verwunschenen Parks, friedlich grasenden Schafen, bodenständigen Brieftauben-Züchtern, der pittoresk altertümlich wirkenden Zechensiedlung Dahlbusch. Jeder der rund achtminütigen Audiobeiträge ist eine Naturbeobachtung mit ohrenbetäubendem Zwitschern. Vogelkundler werden befragt, Texte von Schauspielern gelesen, etwa ein herzzerreißender Brief von Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis 1917, die erzählt, wie ihr der Gesang der Vögel Trost spendet. Die Pfeile führen durch Wege, die man alleine nicht finden, verwunschene Plätze, auf denen man ...
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Theater heute November 2021
Rubrik: Festivals, Seite 40
von Dorothea Marcus
Hatten seit Beginn der Intendanz von Shermin Langhoff jemals zwei Schauspielerinnen, weiß wie Schneeflocken, die Bühne für sich allein, begleitet nur von einem ebenfalls weißen Harfenisten? Das Team um die erstmals am Maxim Gorki Theater inszenierende Regisseurin Leonie Böhm hat den Bruch mit der postmigrantischen Normalität am Haus dick unterstrichen: Svenja...
Noch bevor es richtig losgeht, besteht erhöhter Aktualisierungsbedarf. Sophie Stockinger, später die Darstellerin des jungen Revolutionärs Pawel, entert die Bühne und zitiert feurig einen Aufsatz zur Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im 21. Jahrhundert aus einer 2003 erschienenen Nummer von «Z – Zeitschrift für marxistische Erneuerung». Darin wird Marx zwar sanft...
Ich hocke wie Polonius hinterm Vorhang. Achte darauf, dass meine Schuhspitzen unsichtbar bleiben, der Vorhangspalt vollständig geschlossen, mein Atem ruhig. Hoffe ohnehin, dass der verborgene Körper sich nicht zu Wort meldet, durch Magenknurren, Niesen, Schluckauf. Dabei weiß mein Gegenüber, anders als Hamlet, dass jemand da ist. Um mein Leben muss ich nicht...
