Von den miesen Kritzeleien des Lebens

Nurkan Erpulat und Anta Helena Recke inszenieren mit Deniz Ohdes «Streulicht» und Olivia Wenzels «1000 Serpentinen Angst» autofiktionale Gegenwartsromane, die von Klassismus und Rassismus in Deutschland erzählen

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir ein unbeschriebenes Blatt Papier. Deshalb passt es auch sehr gut, dass das Bühnenbild in Nurkan Erpulats Inszenierung von «Streulicht» im Container des Berliner Gorki Theaters aus nichts als einem überdimensionalen weißen Gebilde besteht, das man nach Herzenslust zusammenfalten, drehen und in verschiedenen Formationen wieder aufklappen kann.

 

Der Roman, der 2020 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, handelt von einer Ich-Erzählerin, die als Kind einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters in einem Vorort von Frankfurt am Main aufwächst, in der Nähe eines Industrieparks. Sie setzt dort ein, wo sie, mittlerweile Studentin, in die elterlichen Gefilde zurückkehrt, um an der Hochzeit ihrer Jugendfreunde teilzunehmen. Doch die Rückkehr ist kein freudiges Ereignis, sondern Anlass, über die vermasselte Kindheit und Jugend in dieser von gesichtslosen Einfamilienhäusern und rauchenden Chemiewerken geprägten Gegend nachzudenken. 

«Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte» – derart sinnlich ...

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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Anna Fastabend

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