Gut und Böse

Von Menschen und Moral: Im Hamburger Schauspielhaus lässt Karin Henkel «Richard the Kid & the King» serienmorden, und Johan Simons widerlegt im Thalia Theater Dostojewskis «Der Idiot» von innen

Wer Lina Beckmann als Richard III. beobachtet, kommt unweigerlich ins Grübeln. Da ist so rein gar kein Geheimnis einer Figur, aber es wird trotzdem nie langweilig, ihr zuzuschauen. Ihr Spiel ist auch an keiner Stelle nur ansatzweise subtil. Sie fletscht die Zähne zum verlogenen Schmeichel-Grinsen bei entsprechendem Bedarf; ihr quillt die hochprozentige Niedertracht aus den Stirnfalten, wenn sie mal wieder tödliches Gift verspritzt; sie strahlt vor Lust, wenn sie einen Bauch voll Gedärme aus einem armen Opfer reißt; sie schwitzt, rotzt und spotzt wie in einem Schwergewichts-Ringkampf.

Und sie humpelt theatralisch oder schlendert horrorclownesk in den nächsten Mord, bis die Selbstironie zur Charmefalle wird. Kurz: Sie verstellt sich so offensichtlich und erklärt auch noch im Detail, warum, als turnte sie im Freilicht-Sommertheater – wo die Premiere bei den Salzburger Festspielen in Hallein ja auch stattfand. Und dennoch: Was ist das für eine Gestalt, der die hochtourige Performance offenbar zur Persönlichkeit geworden ist? 

Karin Henkels Salzburger/Hamburger Inszenierungsprojekt «Richard the Kid & the King» ist eine Textmischung vieler Köche aus Teilen von Shakespeares «Heinrich ...

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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 7
von Franz Wille

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