Stuttgart: Sich selbst ermächtigen
Dumm gelaufen für Martin. Der junge Mann ist Marxist und meint, er sei ein intelligenter Stratege. Er beauftragt seine Freundin Anna, mit einem der Faschisten anzubandeln, die durch die Stadt ziehen. Sie soll auskundschaften, was die Stoßtrupps des «Dritten Reiches» im Schilde führen. Anna macht das nicht ungern, kehrt vom inszenierten Techtelmechtel aber mit einem Knutschfleck zurück, was Martin dann doch empört. Was er nicht wahrhaben will: Der Faschist ist über seine Freundin hergefallen.
Als Ödön von Horváth 1931 ein Stück schrieb, in dem er die immer ungenierter prügelnden Nationalsozialisten ins Visier nahm, tat er dies, indem er die rechte Gefahr wie einen Spuk behandelte und sich fast ausschließlich mit denen beschäftigte, die die Faschisten eigentlich verhindern wollen: mit Sozialdemokraten und Kommunisten, die so schwach, selbstverliebt und zerstritten sind, dass sie sich selbst entmächtigen. Der republikanische Stadtrat Rammelsberger zum Beispiel drischt hohle Phrasen und knechtet seine Frau in aller Öffentlichkeit, kuscht aber vor dem Rädelsführer der Faschisten.
In Stuttgart hebt sich der Eiserne Vorhang und gibt den Blick frei auf die riesige Spielfläche des ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Jürgen Berger
Ein Handtuch von einem jungen Mann schleicht an die Rampe. Sein Dasein ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Entsprechend meidet er die Mitte im breiten, leeren Raum der Berner Vidmarhallen. Das ist Elmar Goerdens «Sohn», Titelfigur im letzten Teil einer Trilogie, die lose an Homers Telemachos aus der «Odyssee» anknüpft und seit 2016 Stück für Stück am Theater Bern...
Die Betrachtung von Kunst ist ein Schauspiel, an dem sich einiges ablesen lässt. Etwa der Stellenwert, den die Zuschauenden der Kunst beimessen, aber auch der Rang, den die Betrachtenden sich selbst einräumen. Ob sie die Kunstbetrachtung als Ritual in eigens dafür errichteten Räumen zelebrieren, ob und wie sie darauf reagieren: mit Fragen, Deutungen oder heftigen...
Karlheinz Braun, 1932 in Frankfurt am Main geboren und dort noch immer lebend, hat sein Herz und sein Leben dieser Stadt, ihren Theatern und Kultureinrichtungen geöffnet und es als junger Regisseur und Schauspieler, dann als Leiter des Theaterverlags Suhrkamp und schließlich als Gründer und Delegierter des Theaterverlags der Autoren ganz an seine Autoren verloren....
