Berlin: Ein Mann mit Zukunft

Molière «Der Menschenfeind»

Das Liebesmodell dieses Monsieur Alceste ist schnell erklärt: Die Angebetete soll in eine Art Privatbesitz verwandelt werden, von der Welt weggesperrt in klösterliche Zweisamkeit zur Steigerung des eigenen männlichen Selbstwertgefühls. Die amouröse Vortrefflichkeit des akkurat graugekleideten, etwas steifen älteren Herrn, der sich selbst für unwiderstehlich hält, erschließt sich äußerlich nicht unbedingt. Und auch die inneren Werte halten auf den zweiten Blick kaum stand.

Ulrich Matthes’ Alceste behauptet zwar im eitel komplimentbereiten, höfisch-höflichen Umfeld unbedingte Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, nutzt diese tugendhaften Eigenschaften jedoch vor allem dazu, andere herunterzuputzen. Und unterstreicht damit nur, dass bei seinem Alceste die Eigenliebe jedes Gefühl für andere Menschen bei weitem übersteigt.

Regisseurin Anne Lenk entblättert im Berliner Deutschen Theater mit Molières «Menschenfeind» ein berückendes Männerpandämonium und blickt den Herren der Schöpfung tief in ihr selbstsüchtiges Herz. Auf schmaler Rampenbühne, umschlossen von gummibandflexiblen Wänden (Florian Lösche), zeigen die zahlreichen anwesenden Salonlöwen nur zwei Seiten derselben Medaille: ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Was fehlt?

Arbeit am Mythos: Thorleifur Örn Arnarssons «Edda», Staatsschauspiel Hannover

Es fehlt ja immer was. Vielen fehlt die Literatur bei der Theatertreffenauswahl 2019, einer Auswahl, die in mehrerer Hinsicht divers ist, heterogen, die zwar nicht alle, aber doch viele Spielarten und Produktionsweisen des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters abdeckt. Denn das ist...

Sonnenaufgang hinterm Schuldenberg

An diesem Münchner Winterabend herrscht längst Nacht, als nach neuneinhalb Theaterstunden die Sonne aufgeht. Eben haben Maja Beckmann, Majd Feddah, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer, Peter Brombacher (dessen Rolle mittlerweile Jochen Noch übernommen hat) und Benjamin Radjapour auf Kothurnen und Kunstrasen Fußball gespielt, was eher nach paralympischem...

International: Greta Thunberg ist überall

Im Nachmittagsstau auf der repräsentativen Avenida Paulista tanzen zwei Frauen und drei Männer; das Jazz-Quartett, das sie begleitet, spielt an gegen Hupen und Motoren. So richtig gefährlich ist die kleine Show zwar nicht, denn ohnehin ist Stop-and-Go die Höchstgeschwindigkeit um diese Tageszeit – und doch ist das Spektakel programmatisch gedacht: als öffentliche...