Bremen: Das Blut, das Salz, das Leben

Fritz Kater «Love you, Dragonfly»

Theater heute - Logo

«Die Sonne Satans schien vom Meer her, das man nicht sah, aber roch.» Das ist so ein Fritz-Kater-Satz von poetischer Wucht, ein Satz in den schon all das Grauen eingeschrieben ist, das das Mädchen (Mirjam Rast) erleiden wird, im Wäldchen, wo der Vergewaltiger (Manolo Bertling) wartet.

«Die Sonne Satans», das ist der Hamster, den der Angreifer dem Mädchen schenkt, die Pulle Schnaps, die er ihr reicht, ihr Spiel mit Macht und Ermächtigungsstrategien, und schließlich der Schlag, den er ihr versetzt, das Zurechtrücken der Verhältnisse, die Klarstellung: Wer ist hier stärker? 

«Die Sonne Satans schien vom Meer her» ist zwar ein wuchtiger Satz, aber er ist auch falsch in dieser Inszenierung von Katers «Love you, Dragonfly» am Theater Bremen. Er stimmt nicht, weil die Figuren klatschnass sind, überall tropft es, und keine Sonne scheint von irgendwoher. Ein Satz mit Fallstricken, ein Satz, der einen auf unsicheren Boden führt. «Den schwarzen Grund empfinden nur die Geweihten», endet die Episode, noch so ein Fritz-Kater-Satz.

Katers «Love you, Dragonfly» wurde vor zwei Jahren von Alice Buddeberg mit analytischer Genauigkeit in Bonn als Episodendrama urauf­geführt. Die zweite Inszenierung ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2018
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Die vierte Form des Wahnsinns

Der verrückte Ignaz» – so unterschrieb Ignaz Kirchner seine Postkarten, die er ohne konkreten Anlass oft an mich sandte. Es waren poetische Zurufe mit dem Bild eines Dichters meist und mit einer pointierten Weisheit, die Ignaz verkündet wissen wollte. Immer wieder mit Sätzen von Dichtern, die er gerade für sich entdeckt und ergründet hatte, für die er mit seinen...

Anatomie der polnischen Seele

Niemand fragte uns, was wir an Arbeit leisten können», erzählt die gut vierzigjährige Polin im Dokumentarfilm «The Lost Requiem». «Sie haben uns einfach aufgenommen, wie wir waren: krank, heimatlos und elend. Ich werde die persische Gastfreundschaft nie vergessen.» Mindestens 120.000 deportierte Polen konnten in den Kriegsjahren 1941/42 aus Sibirien in überfüllten...

Die Erben der Räuber

Endlich mal keine düstere Dystopie zum weiteren Untergang des Abendlandes, sondern eine Zukunftsvision, die nicht heller und erwartungsfroher strahlen könnte: Die Menschheit, wie sie Lukas Bärfuss zumindest am Anfang seines neuen Stücks vorstellt, lebt nach dem Prinzip von «Hingabe, Wohlwollen und Freundschaft», hat Kriege und allen Streit hinter sich gelassen,...