Auf Kreuzzug

In Stuttgart gräbt Sebastian Baumgarten nach Einar Schleefs «Salome» nach Oscar Wilde

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Das Denken muss kalt sein, sonst wird es familiär.» Schreibt Friedrich Nietzsche. Einar Schleef, der dessen «Ecce Homo»-Monolog in Form und mit sich selbst als brillantem Rhetor auf die Bühne brachte, war im Denken kalt und im Fühlen hochentzündlich. Provokation lag bei Schleef höchstens in seinem Willen, mit dem ein Unzeitgemäßer – und auch Wagnerianer – Rituale vollzog, Weihefestspiele stiftete, das Theater als Zeremonie begriff.

Schleefs im Juni 1997 am Düsseldorfer Schauspielhaus von ihm uraufgeführte und ausgestattete «Salome» ist – anders als bei Oscar Wilde, der den biblischen Stoff ins Rankenwerk des Fin de Siècle geknüpft und die Sprache süß überstäubt hat – nahezu Prähistorie: Mythenmaterial als Sprengstoff. Kein symbolisches Theater, sondern offensives und – seltsamerweise – zugleich graziöses Sein. Brutal direkt wie ein Bildwerk von Francis Bacon. Die Verweigerung von metaphorischer Absicht macht Schleefs Theater kraftvoll.

Wie ein Fallbeil: Schleefs «Salome» 

So setzte er damals auch den Anfang, einen 13-minütigen Prolog als stummes Tableau vivant aller Mitwirkenden, darunter ein Chor alter Männer in schwarzen Roben. Nach diesem statischen Panorama senkte sich der ...

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Theater heute Juli 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Andreas Wilink

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