Manuel Gerst/Monster Truck: Staat der Dicken

Erst im Tod sind alle verschieden

Unser Staat ist ein Staat der Dicken. Wer zu wenig wiegt, muss essen. Aber nur bis zu einem Limit; wer zu fett wird, muss wieder abnehmen. Der Dickste ist nicht der Chef. Es gibt keinen. Alle sind gleich dick. Da kann sich keiner beschweren, dass jemand mehr oder weniger hat. An Leibesfülle. Jeden Morgen um Punkt sechs Stelldichein beim Bäcker. Ein Stück Sahnetorte, nicht mehr. Baguettes und Croissants jeweils drei. Jeder Mensch hat eine Waage auf Rollen, auf der er sich wie auf einem Skateboard fortbewegt, so dass er immer über sein Gewicht Bescheid weiß.

Wenn man doch zu viel oder zu wenig auf den Hüften hat, geht man in die Abspeckzelle bzw. in Einzelhaft beim Konditor. Selbstgewählt und glücklich.

Wer zu kurze Arme hat, bekommt Verlängerungen, wer zu klein ist, Stelzen. In jedem Dorf darf es nur einen Friseur geben, der nur einen Haarschnitt kann. Und sein Kollege ist ein Haarfärber. Einmal im Monat geht ein jeder Bürger zu ihm, um sich die Haare färben lassen. Damit es nicht gar zu eintönig wird, bekommt jeder Monat eine eigene Farbe. Der Juli ist z. B. blau, der Dezember aber rot. Ein Malermeister malt die Haut in der gleichen Farbe an, das muss aber jeden Tag passieren, da ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Der ideale Staat, Seite 38
von Manuel Gerst/Monster Truck

Weitere Beiträge
Ankunft in der Fremde

Als nach zwei Stunden auf der Berlin-Charlottenburger Kantstraße die nächste Verabredung, Mutter Tscheplano­wa, das «Schwarze Café» betritt, bin ich bereits so hypnotisiert wie Gucci, das mucksmäuschenstille Hündchen, das Valery Tscheplanowa vor fünf Jahren «gebraucht» gekauft hat. Gucci hat links von ihr gesessen, ich rechts, während zwischen uns eine...

Der Urfarn mit all seinen Konsequenzen

EINS    was die nicht verstehen
           und in dieser sache unsren eltern
           ähneln
           ist der unterschied zwischen ihnen
           die von irgendwo gekommen sind
           und uns
           die von nirgends anders her kommen
VIER    es liegt auf der hand
           es ist so klar
           dass wir bloß gerade so
           sehr knapp
           an...

Lust auf Abgrund

Zwei schwarz angemalte Toilettenpapierrollen und eine Depafit-Leichtstoffplatte: Dies war die Grundidee zum aufwändigsten Bühnenbild, das je am Residenztheater gebaut worden ist. Es besteht aus einem gewaltigen, vier Tonnen schweren Laufband und einem zweiten, etwa 3,5 Tonnen schweren Laufband auf drei Hubpodien, die vier Meter nach unten reichen. Darauf...