Am Nullpunkt der Verständigung

Die dritten Basler Dokumentartage fragen erstmal nach der Wirklichkeit

Am Anfang war die Fehlbeleuchtung. Ein fahriges Flackern, ein irrendes Licht. Helle Flecken, die dem konturlosen Dunkel der Weltbühne abgerungen scheinen, sich bei aller Zufälligkeit doch ordnen und damit so etwas wie den Beginn einer Zeitrechnung markieren. Den Beginn einer Geschichte allemal, in der das nordfranzösisch-belgische Duo Halory Goerger und Antoine Defoort eine ganze Weile ohne gesprochenen Text auskommen. Am Anfang war jedenfalls nicht das Wort.

«Germinal», so heißt das Stück, ist der perfekte Auftakt für ein entdeckungsfreudiges Nischenfestival wie die Basler Dokumentartage, während denen Fiktion und Kreation nach Herzenslust auf die Wirklichkeit prallen dürfen. Apropos wirklich. Den gelehrten Prolog zum Festivalstart bestritt Dirk Baecker, prominenter Kulturtheoretiker und Wahlbasler. Sein Vortrag umzirkelte die philosophisch hinterhältige Frage: «Was ist nochmals Wirklichkeit?», war gar nicht wortkarg, sondern ermunterte beredt dazu, anstatt die Wirklichkeit mit dem Sein zu verwechseln lieber die Menschen bei ihrer sozialen Blasenbildung zu beobachten. Dann bekomme man immerhin eine Ahnung von der Vielzahl der parallelen Wirklichkeiten, gesetzt den Fall, der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Komfortzone? Welche Komfortzone?

 Ein junges Paar mit einem drei Monate alten Kind in einer auf Kredit gekauften Wohnung. Nur unregelmäßige Einkünfte. Vor der Tür der Geldeintreiber. Draußen im Baum ein so herz- wie nervenzerreißend miauendes Kätzchen. Eine Mutter, die den vielleicht rettenden Verkauf der Datsche torpediert. Stau auf dem Weg zum letztmöglichen Zahlungstermin bei der Bank....

Das große Horváth-Räderwerk

Die späte Entdeckung von Horváths «Niemand» klingt selbst wie eine lächerlich bis tragisch verrutschte Horváth-Geschichte: 2006 wechselte ein unscheinbares 95-seitiges Typoskript in einer blauen Mappe bei einer Auktion des kleinen Pforzheimer Antiquariats Kiefer für 250 Euro den Besitzer. Niemand (!) hatte bemerkt, dass es sich dabei um die einzige Kopie eines...

Störfaktor, Katalysator, Medium

Sie ist die Erste, die auftritt. Sich auf eine Bank setzt, im weißen Kleid, ein imposantes Stück rohes Fleisch im Schoß. Emporstarrt ins Scheinwerferlicht, bis ihr die Augen tränen. Reglos. Marie (Linda Pöppel) nimmt zu ihrer Rechten Platz, Robert (Max Mayer) zu ihrer Linken, und der Beziehungszoff nimmt seinen Lauf. Dazwischen: Kate Strong als reglose Barriere,...