Demokratie: eine Mängelliste
Die Erhaltung des Staates ist mit der Erhaltung des Feindes unvereinbar», zitiert der Puppenspieler Combeferre aus dem Schlüsselwerk der Aufklärung «Du Contrat Social». «Ihr habt das unterschrieben», fährt er zum Publikum gewandt fort, «Rousseaus Gesellschaftsvertrag, dank dem ihr Länder überfallt, ganze Inseln in die Luft jagt und den Feind ausradiert ... wieder und wieder.
»
Als die spanische Autorin und Performerin Angélica Liddell 2003 anfing, ihr Theaterstück «Toter Hund in der chemischen Reinigung: die Starken» zu schreiben, marschierten die USA gerade in den Irak ein. Der «Präventivkrieg» gegen die «Achse des Bösen» stand zwar offenkundig in Widerspruch zum Völkerrecht, wurde aber durch ein grenzenloses Sicherheitsbedürfnis der US-amerikanischen Demokratie nach 9/11 «legitimiert» und durch eine internationale «Koalition der Willigen» – darunter auch Spanien.
Europa, chemisch gereinigt
Mit etwas kriminalistischem Geschick und Assoziationsbereitschaft lässt sich Liddells Stück denn auch als dramatisierte Dystopie eines zukünftigen Europas lesen, in dem «die Sicherheit» herrscht und das alle inneren wie äußeren «Feinde» eliminiert hat. Dass diese Form der Sozialhygiene die ...
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Theater heute Juni 2017
Rubrik: Festivals, Seite 44
von Anja Quickert
Die Sowjetunion ist für Darja und mich in erster Linie die Familie.» Ungefähr nach vier Stunden spricht Niza Jaschi (Lisa Hagmeister) diesen Satz über sich und ihre Schwester (Franziska Hartmann). Ein zentraler Satz in Jette Steckels Uraufführungsinszenierung von Nino Haratischwilis «Das achte Leben (für Brilka)» am Hamburger Thalia – weil die Passage das narrative...
Sie ist die Erste, die auftritt. Sich auf eine Bank setzt, im weißen Kleid, ein imposantes Stück rohes Fleisch im Schoß. Emporstarrt ins Scheinwerferlicht, bis ihr die Augen tränen. Reglos. Marie (Linda Pöppel) nimmt zu ihrer Rechten Platz, Robert (Max Mayer) zu ihrer Linken, und der Beziehungszoff nimmt seinen Lauf. Dazwischen: Kate Strong als reglose Barriere,...
Die späte Entdeckung von Horváths «Niemand» klingt selbst wie eine lächerlich bis tragisch verrutschte Horváth-Geschichte: 2006 wechselte ein unscheinbares 95-seitiges Typoskript in einer blauen Mappe bei einer Auktion des kleinen Pforzheimer Antiquariats Kiefer für 250 Euro den Besitzer. Niemand (!) hatte bemerkt, dass es sich dabei um die einzige Kopie eines...
