Der Gangster von der Bar
Für einen angehenden Dramatiker entwarf der junge Brecht eine recht krude Sprachkritik. Man habe nicht seine eigenen Wörter, man wasche sie auch nicht wie die eigenen Wäsche: «Im Anfang war nicht das Wort. Das Wort ist am Ende. Es ist die Leiche des Dinges.» Das Wörterklauben hatte für den Schriftsteller scheinbar nur bedingten Reiz, mindestens genauso interessant waren die Dinge des Lebens, zu denen man wieder durchdringen müsse durch die toten Wörter.
Brechts Wortwut hatte Folgen.
«Im Dickicht der Städte», entstanden 1921/22 nach seinem ersten Berlin-Besuch, verdaut ziemlich ungewaschen die ersten heftigen Moderne-Erfahrungen des Anfang 20-jährigen, behüteten Augsburger Bürgersöhnchens mit Künstlerehrgeiz. In elf Bildern kommt viel zusammen, was die große Stadt so unsicher und faszinierend macht: soziales Elend, Prostitution, Raubtier-Kapitalismus, bürgerlicher Familienzerfall und militanter Rassismus. Nebenbei wollen noch ein paar Lektüreerfahrungen von Gauguins Tahiti-Paradies über Upton Sinclairs «Dschungel»-Roman bis zu Alfred Döblin verarbeitet werden. Das reichlich überladene Ergebnis spielt zwischen 1912 und 1915 in einem Fantasie-Chicago aus grenzenlos darwinistischem ...
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Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 52
von Franz Wille
Im Programmheft zu Michael Thalheimers Hamburger Inszenierung des «Zerbrochnen Krugs» wird er ausführlich zitiert, Kleists Aufsatz «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Tatsächlich zeugen ja in keinem anderen Kleistschen Werk Worte so hemmungslos Worte, aus denen Gedanken werden, oder auch mal: Lügen. Wenn Frau Marthe die Wörter auf den Kopf...
Auf der Liste der besten Tschechow-Figuren, die nicht von Tschechow sind, dürfte der Frauenarzt Dr. Benrath ziemlich weit oben rangieren. Gespielt von Felix Klare steht er auf der Bühne, ein schlanker, großer Kerl mit schickem Bärtchen, und fixiert mit entschlossen zusammengekniffenen Augen seine selbstrechtfertigende Argumentationskette: Ja, er sei seiner Frau...
Offensichtlich wollte Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, das richtige Verständnis und die Relevanz der wissenschaftlichen Studie «Das Freie Theater. Die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft (1960-2010)» nicht leichtfertig dem Lektüreprozess überlassen. Henning Fülle «kennt sich allumfassend aus»,...
