Bayreuth is (not) burning
In Bayreuth ist auch der Zuschauer anschauenswerth, es ist kein Zweifel», schreibt Friedrich Nietzsche 1876. Er wirft damit kein parodistisches Licht auf das Publikum, das überlässt Nietzsche der «sehr unmagischen Laterne unserer witzelnden Zeitungsschreiber». Nein, der Denker betont die Exzentrik der Veranstaltung, um nicht nur die Kunst, sondern auch das Publikum ins überzeitliche Licht zu rücken. Die Zuschauer sind die «Unzeithgemäßen», welche die Ewigkeit erblicken.
200 Jahre nach Wagners Geburt sind tatsächlich ein paar Dinge gleich geblieben.
Zum Beispiel steht das Publikum noch immer im Zentrum vieler zeitgemäßer Bayreuth-Beobachtungen. Vielleicht, weil man als Lohnschreiber auf dem Grünen Hügel massiv sozial überschichtet wird – diesen Unterschied kann kein Anzug ausbügeln. Aber wer in einem Jaguar als Pausenliege noch keine Provokation erkennt, und wer nichts gegen die vielen Frauendarstellerinnen im Publikum hat, deren wunderbar pompöser Look sich von Transgender Queens nur durch die fehlende Zigarette unterscheidet, der hat bald weniger zu schauen als zu hören. Denn es knistert im Parkett. Auch die Distanz durch das doppelte Proszenium im Festspielhaus verhindert nicht, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2013
Rubrik: Festivals, Seite 6
von Tobi Müller
1
«In der Nacht des 14. März 1939 träumte Jaromir Hladik, Autor der unvollendeten Tragödie DIE FEINDE, einer RECHTFERTIGUNG DER EWIGKEIT und einer Untersuchung der indirekten jüdischen Quellen bei Jakob Böhme, in einer Wohnung in der Zeltnergasse in Prag von einer großen Schachpartie.»
So lautet der erste Satz von JORGE LUIS BORGES’ achtseitiger Erzählung DAS...
Eine Frau und ein Mann sitzen an einem Tisch. Er fragt, sie antwortet nicht nur mit ja oder nein, so die Verabredung. Es funktioniert nicht gleich auf Anhieb. Erst weicht sie aus, wehrt ab oder greift im Gegenzug an, um schließlich doch Intimes preiszugeben. Eine Feier des Gewesenen, das bei aller elegischen Verklärung ein subtiles Grauen verströmt, und ein...
Warum ist nur noch niemand auf die Idee gekommen: Wer keinen Job mehr hat, wird erschossen. Das löst alle Probleme der Arbeitslosigkeit, steigert die Produktivität, spart Sozialausgaben und reduziert die Unzufriedenheit nachhaltig. Die vierteljährlichen Hinrichtungen lassen sich nach altrömischem Vorbild in einer großen Arena attraktiv anrichten. Kein Wunder, dass...
