Odyssee für eine Leiche

Wajdi Mouawad «Küste» (DE, Kleines Haus)

Theater heute - Logo

Der 1968 im libanesischen Deir-el-Kamar geborene Autor und Regisseur widmete sich
in seinen bisherigen Theatertexten der eigenen Familiengeschichte und dem sich darin spiegelnden Nahostkonflikt. Das ist auch in «Küste» so, einem Stück, das Wajdi Mouawad 1997 in Montreal zur Uraufführung gebracht hat. Im Kern des Stücks steht Wilfried, dessen französische Mutter bei der Geburt starb und der gerade auch seinen aus dem Nahen Osten stammenden Vater verloren hat. Die französische Verwandtschaft allerdings verweigert die Bestattung in der Familiengruft.

Also expediert Wilfried den Leichnam in die libanesische Heimat, dort allerdings sind die Friedhöfe aufgrund des anhaltenden Nahost-Konflikts überfüllt.

Mouawad überlagert diese zentrale Geschichte allerdings mit Traumsphären und will unter anderem, dass der Leichnam des Vaters zu sprechen beginnt. Angesichts solch eines wuchernden Textgespinsts versteht es sich, dass man kürzen und sich fragen kann, ob zum Beispiel dieser Ritter Guiromelant, den Mouawad wie einen überforderten Sittenwächter an Wilfrieds Seite stellt, nicht ersatzlos gestrichen werden sollte. Regisseur André Rößler greift nun zwar zum Rotstift, kürzt aber demokratisch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2011
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
Die Abwesenheit von Harmonie

Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktritt, darf auf Demonstrationen getanzt werden», beendet Heiner Müller seine Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Zukunftsbesorgt hatte er davor zur «Grün­dung freier Gewerkschaften» aufgerufen − die Volksstimme buht. Jetzt jubelt sie, eine halbe Million, deren «Euphorie» und «Bedürfnis nach einem...

Fallbeispiel Rostock

Da liegt sie, auf den Brachflächen des alten Werftgeländes: die Halle 207. An ihren Stahltüren neben den kaputten Fenstern prangen noch die Plakate von voriger Saison: «Broadway in Rostock 19.06. – 03.09. 2010». Dieser Schlummerkoloss ist das jüngste Renommierobjekt des Volkstheaters (VT), eine Sommerspielstätte für einige der rund drei Mil­lionen Touristen, die...

Der König von der traurigen Gestalt und die schöne Leich’

Akklimatisiert hat er sich bereits mit einer kulinarisch angereicherten Ensemble-Fortsetzungs-Lesung von Lion Feuchtwan­gers München-Roman «Erfolg», die schon nach wenigen Terminen Kultstatus genoß. Nun wagt sich Johan Simons, seit einem halben Jahr Intendant der Münchner Kammerspiele, mit einem Abend über Ludwig II. ans Eingemachte bayerischer Selbstherrlichkeit,...