Zurück zur Unschuld
Es ist ja eigentlich nicht die Zeit der Chöre. Das Marschieren im Gleichschritt, das gemeinsame Intonieren, das Skandieren der Parolen sind uns fremd geworden. Pegida-Trupps auf Marktplätzen oder Ultras im Fußballstadion haben eigentlich den Touch des Fossilen. Das Gros der politischen Demonstrationen ist ein heterogenes Get-together von pragmatisch gestimmten Menschen, die sich für partikulare Anliegen lose zusammenfinden. Nicht für kollektive Identitätsbehauptungen.
René Pollesch hat das in «Streets of Berladelphia» luzide ausgeführt: Wir agieren in Netzwerken, nicht in Kollektiven, in der Crowd, nicht im Chor. Einerseits.
Andererseits zeigt sich das chorische Sprechen gerade im Theater als ziemlich persistent. Denn auch der emphatische Begriff des Individuums, als Gegenpol zum Chorischen, will so recht nicht in eine Gegenwart passen, in der sich der Mensch zunehmend als fremdbestimmt empfindet, als Anhängsel der Märkte, als Datensatzgeber, als Träger immer schon vorgeprägter Diskurse. Hier setzt der Chor als Mittel an: Er ist von Elfriede Jelinek bis Felicia Zeller die vorzüglichste Form, einen Text von der Person abzulösen und ihn in einer quasi objektiven Eigenständigkeit ins ...
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Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 49
von Christian Rakow
Im Programmheft zu Michael Thalheimers Hamburger Inszenierung des «Zerbrochnen Krugs» wird er ausführlich zitiert, Kleists Aufsatz «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Tatsächlich zeugen ja in keinem anderen Kleistschen Werk Worte so hemmungslos Worte, aus denen Gedanken werden, oder auch mal: Lügen. Wenn Frau Marthe die Wörter auf den Kopf...
Für das Szenenbild-Department war «Einsamkeit und Sex und Mitleid» bestimmt ein großer Spaß. Andreas C. Schmid und Assistentin Maria Klingner haben die Räume, in denen sich die fürs Kino modifizierten Episodengeschichten aus Helmut Kraussers Roman von 2009 abspielen, wie Theaterbühnen eingerichtet: Das Callgirl-Callboy-Paar Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen...
Barbara Burckhardt: Shirin Sojitrawalla, Christian Rakow, das erste Jahr in der Theatertreffen-Jury ist überstanden: Haben die Erfahrungen in diesem Jahr Ihren Erwartungen entsprochen, oder hat sich da einiges korrigiert?
Shirin Sojitrawalla: Die Erfahrung ist schon sehr anders als die Erwartung. Ich dachte, man fährt ein Jahr rum, guckt ca. hundert Stücke, und...
