Zurück zur Unschuld
Es ist ja eigentlich nicht die Zeit der Chöre. Das Marschieren im Gleichschritt, das gemeinsame Intonieren, das Skandieren der Parolen sind uns fremd geworden. Pegida-Trupps auf Marktplätzen oder Ultras im Fußballstadion haben eigentlich den Touch des Fossilen. Das Gros der politischen Demonstrationen ist ein heterogenes Get-together von pragmatisch gestimmten Menschen, die sich für partikulare Anliegen lose zusammenfinden. Nicht für kollektive Identitätsbehauptungen.
René Pollesch hat das in «Streets of Berladelphia» luzide ausgeführt: Wir agieren in Netzwerken, nicht in Kollektiven, in der Crowd, nicht im Chor. Einerseits.
Andererseits zeigt sich das chorische Sprechen gerade im Theater als ziemlich persistent. Denn auch der emphatische Begriff des Individuums, als Gegenpol zum Chorischen, will so recht nicht in eine Gegenwart passen, in der sich der Mensch zunehmend als fremdbestimmt empfindet, als Anhängsel der Märkte, als Datensatzgeber, als Träger immer schon vorgeprägter Diskurse. Hier setzt der Chor als Mittel an: Er ist von Elfriede Jelinek bis Felicia Zeller die vorzüglichste Form, einen Text von der Person abzulösen und ihn in einer quasi objektiven Eigenständigkeit ins ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 49
von Christian Rakow
Im Laufe meiner etwa zwanzigjährigen Tätigkeit als Dramaturg an Theatern in Zürich, Basel, Bremen und Berlin gehörte zu meinen Aufgaben, Schülern das Berufsbild des Dramaturgen zu beschreiben. Doch sehr oft wurde mir sogar von Theaterkollegen entgegengehalten, dass ich gar keinen «richtigen» Beruf hätte. Meine Aufgabe als «Dramadurch» (ich komme aus Hessen) sei ja...
Für das Szenenbild-Department war «Einsamkeit und Sex und Mitleid» bestimmt ein großer Spaß. Andreas C. Schmid und Assistentin Maria Klingner haben die Räume, in denen sich die fürs Kino modifizierten Episodengeschichten aus Helmut Kraussers Roman von 2009 abspielen, wie Theaterbühnen eingerichtet: Das Callgirl-Callboy-Paar Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen...
Es gibt eine Szene in Johan Simons’ Inszenierung von Theodor Storms «Schimmelreiter» am Hamburger Thalia Theater, da steht Hauke Haien (Jens Harzer) mit seiner Frau Elke (Birte Schnöink) am Deich, der Sturm tost, ein Pferdekadaver liegt an der Rampe, die Wellen rollen gegen das Ufer, man ahnt das Unheil, das sich entspinnt. Haien greift wortlos nach der Hand seiner...
