Wien: Ficken und Shoppen
Emma Bovary gehört zu den unglücklichsten Romanheldinnen der Literaturgeschichte. Bald nachdem sie den liebenswürdigen, aber langweiligen Landarzt Charles Bovary geheiratet hat, erkennt sie, dass das ein Fehler war; spätestens nach der Geburt ihrer Tochter, mit der sie nicht viel anfangen kann, entwickelt sie eine mittelschwere Depression. Nach einem folgenlosen Flirt mit dem jungen Notar Léon hat sie eine leidenschaftliche Affäre mit dem Dorfcasanova Rodolphe; nach deren abruptem Ende – Rodolphe wird die Sache zu heiß – ist Emma am Boden zerstört.
Als sie sich wieder erholt hat, trifft sie zufällig Léon wieder, und diesmal bleibt es nicht beim Flirt: Eine berühmte Passage des Romans schildert eine lange Kutschenfahrt, in deren Verlauf die beiden zum ersten Mal miteinander schlafen – ohne dass das im Text erwähnt würde.
Überhaupt finden sich in dem Roman kaum entsprechende «Stellen»; dass sich Gustave Flaubert vor Veröffentlichung der Buchausgabe 1857 dennoch vor Gericht verantworten musste, hatte wohl mehr mit dem grundsätzlich «unmoralischen» Charakter des Werks zu tun. Der Autor verurteilt seine Titelfigur nicht, er beschreibt nur mit an Grausamkeit grenzender Genauigkeit ihr ...
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Theater heute Juni 2018
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Wolfgang Kralicek
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