Werthers Lücke
Ich habe nie zu den Schauspielern gehört, die auf der Bühne weinen können. Schon auf der Schauspielschule hat uns diese Fähigkeit knallhart in zwei Klassen eingeteilt: in die schauspielerische Oberschicht, den Adel, wenn nicht sogar den hochtalentierten, heulenden Hochadel, die, denen echte Tränen übers Gesicht rinnen, und in die anderen: das Fußvolk, das theatralische Proletariat, die untalentierte Unterschicht: die sich die Hände vors Gesicht schlagen und vom Publikum abgewandt mit staubtrockenen Augen Schluchzen spielen.
In fast jedem Stück gibt es diesen alles entscheidenden Authentizitätsmoment, diesen Wahrhaftigkeitsnachweis: Mensch oder Hochstapler. Es gab Tricks, Techniken, die einem die Tränen in die Augen treiben sollten: japanisches Heilpflanzenöl auf Daumen und Zeigefinger, bei einer als Nachdenken kaschierten Geste in die Augenwinkel einmassiert, oder Zauberworte wie «Mönchengladbach» oder «Schanghai», die den Rachen weiteten und somit zu einem Augen befeuchtenden Gähnen führten. Mit «Schanghai» hatte ich einigen Erfolg. Mehrere Rollen habe ich durch «Schanghai»-Flüstern und -Denken als empfindsame, zerstörte Figuren ins Ziel retten können. Das Knacken in den ...
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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 84
von Joachim Meyerhoff
Uraufführungen
A Swetlana Alexijewitsch Vom Ende des roten Menschen (Schauspiel Hannover) ·· Lola Arias Familienbande (Münchner Kammerspiele) ·· Thomas Arzt Grillparz (Schauspielhaus Wien) ·· andcompany&Co. West in Peace – Der letzte Sommer der Indianer (Hebbel am Ufer, Berlin) ·· Auftrag : Lorey Geld (Schauspiel Frankfurt) ·· Jörg Albrecht noch ohne Titel (Theater...
Versuch über einen Zustand für drei Spielerinnen und zwei Spieler», so lautet der Untertitel des diesjährigen Gewinnerstücks des Retzhofer Literaturpreises, das in der nächsten Spielzeit am Schauspiel Chemnitz uraufgeführt wird. Die Versuchsanordnung: eine baufällige Showtreppe inmitten einer wild verwahrlosten Wiese, einer Industriebrache, eine «blühende...
Das neue Stück des 27-jährigen Dirk Laucke handelt von Grenzen, von der DDR, von Deutschland 20 Jahre nach der friedlichen Revolution und von der Festung Europa. Es erzählt von illegalen Chinesen, tschechischen Huren und Heimatlosigkeit. Und vom Panzerfahren. Dirk Laucke schlug daher eine gemeinsame Fahrt in einem BMP Schützenpanzer vor, als im Juni 2009 eine...
