Werthers Lücke
Ich habe nie zu den Schauspielern gehört, die auf der Bühne weinen können. Schon auf der Schauspielschule hat uns diese Fähigkeit knallhart in zwei Klassen eingeteilt: in die schauspielerische Oberschicht, den Adel, wenn nicht sogar den hochtalentierten, heulenden Hochadel, die, denen echte Tränen übers Gesicht rinnen, und in die anderen: das Fußvolk, das theatralische Proletariat, die untalentierte Unterschicht: die sich die Hände vors Gesicht schlagen und vom Publikum abgewandt mit staubtrockenen Augen Schluchzen spielen.
In fast jedem Stück gibt es diesen alles entscheidenden Authentizitätsmoment, diesen Wahrhaftigkeitsnachweis: Mensch oder Hochstapler. Es gab Tricks, Techniken, die einem die Tränen in die Augen treiben sollten: japanisches Heilpflanzenöl auf Daumen und Zeigefinger, bei einer als Nachdenken kaschierten Geste in die Augenwinkel einmassiert, oder Zauberworte wie «Mönchengladbach» oder «Schanghai», die den Rachen weiteten und somit zu einem Augen befeuchtenden Gähnen führten. Mit «Schanghai» hatte ich einigen Erfolg. Mehrere Rollen habe ich durch «Schanghai»-Flüstern und -Denken als empfindsame, zerstörte Figuren ins Ziel retten können. Das Knacken in den ...
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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 84
von Joachim Meyerhoff
Inzwischen haben sie sich durchgesetzt, die «Nuller Jahre», als Bezeichnung für das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Was soll man auch sonst sagen? Die Vorzehner? Die Nulligen? Aber so rund und abgeschlossen wie die «Zwanziger» wird es nie klingen. «Die Sprache hat hier ein Loch», meint ganz lakonisch Professor Heinrich Dingeldein vom Deutschen Sprachatlas...
Am 7. Oktober 1995 hatte ich bei den Freiburger Literaturtagen eine Lesung aus «Helden wie wir». Ich las im vollbesetzten Rathaussaal gemeinsam mit Radek Knapp, Petra Morsbach, Robert Schindel, Burkhard Spinnen und anderen. Die Veranstaltungen, wie ich sie damals erlebte, folgten einem bestimmten Muster: Ich kam als völlig Unbekannter, als unbeschriebenes Blatt,...
23 Jahre sind vergangen, fast ein Vierteljahrhundert, seit die Münchner Kammerspiele zuletzt das Theater des Jahres waren. Seitdem ist viel passiert – und an dem Traditionshaus an der Münchner Maximilianstraße hat doch nur einmal der Intendant gewechselt: 2001 folgte Frank Baumbauer auf Dieter Dorn und hat an der Isar neue ästhetische Perspektiven eröffnet. Nach...
