Weg von Moskau!

Der Dramatiker Dmytro Ternovyi aus Charkiw ruft zu einem Boykott russischer Kultur auf – und blickt auf die ukrainisch-russische Geschichte

Theater heute

Der russische Angriff auf die Ukraine hat eine jahrhundertealte Vorgeschichte, politisch wie auch kulturell. Die Ukrainer sind sich dessen bewusst und rufen die Welt auf, sie zu unterstützen und Russland einen vollständigen kulturellen Lockdown aufzuerlegen.
Etwa eine Woche, nachdem Russland einen abscheulichen Krieg gegen mein Land entfesselt hatte, wurde ich von einer Bekannten aus Großbritannien eingeladen, an einer internationalen Konferenz über die Ereignisse in der Ukraine teilzunehmen.

Der Glanzpunkt der Konferenz sollte die Teilnahme ukrainischer und russischer Kulturschaffender sein – der Versuch eines Dialogs zur Versöhnung. Aber wie kann so etwas möglich sein? Wie können wir über Versöhnung mit Repräsentanten eines Landes sprechen, das in diesem Moment meine Heimatstadt bombardiert, meine Mitbürger tötet und Bomben auf unsere Kinder wirft? Worüber kann man in dieser Situation mit Menschen sprechen, denen dieser verbrecherische Staat in Fleisch und Blut sitzt und die die Verantwortung für sein Handeln tragen sollten? Worüber, zum Teufel, können wir jetzt mit ihnen reden?
Dann fand ich heraus, dass diese «Versöhnungs»-Konferenz kein Einzelfall war, und dass viele meiner ukrainischen Kollegen ähnliche Einladungen erhalten hatten. Allerdings kenne ich keinen, der sie annehmen würde. Denn jetzt geht es nicht darum, unsere Verbindungen mit der russischen Kultur wiederherzustellen, sondern darum, sie vollständig und unwiderruflich zu brechen. Und so schnell wie möglich unsere eigenen kulturellen Wurzeln wiederherzustellen, die in der Tat eng mit den europäischen verflochten sind. Schließlich ist die Ukraine ein traditionsreiches und unverwechselbares europäisches Land, das seit Jahrhunderten um seine eigene kulturelle Identität und seine eigene Staatlichkeit kämpft.

Die exekutierte Renaissance

Wir alle sind uns sehr wohl bewusst, dass dieser heiße Krieg starke historische und kulturelle Hintergründe hat und dass der Standpunkt meines Landsmanns aus Charkiw, des ukrainischen Schriftstellers Mykola Chwyljowyi, den er vor hundert Jahren formuliert hat, für uns heute aktueller ist denn je. Diese Position ist sehr einfach: «Weg von Moskau!»
Diese drei Worte kosteten ihn tatsächlich das Leben. So wie vielen anderen Schriftstellern, Dichtern, Musikern, Regisseuren, Künstlern und Schauspielern, von denen Sie vermutlich noch nie gehört haben, weil sie alle in den 1930er Jahren von Moskau-treuen Sowjets hingerichtet wurden. Diese bittere Episode unserer Geschichte wird als «die exekutierte Renaissance» bezeichnet: Eine ganze Generation berühmter ukrainischer Künstler wurde wegen ihrer Freiheitsliebe, ihrer pro-europäischen und pro-ukrainischen Haltung hingerichtet.
Heute ist Russland wieder mit dem Slogan «Entnazifizierung» in unser Land gekommen, was in Wirklichkeit die unverhüllte Idee eines Völkermords ist. Das heißt, heute töten sie uns nur, weil wir Ukrainer sind, weil wir versuchen, in unserem Staat so zu leben, wie wir es für richtig halten. Es gibt keinen anderen Sinn dieses Krieges, den die Russen auf barbarische Weise gegen die Zivilbevölkerung führen. Aber wir sind nur die ersten, die den Schlag abbekommen, denn das Russische Reich sieht historisch betrachtet jede Manifestation von Freiheit als eine Bedrohung für sich selbst; nicht umsonst wird es seit Jahrhunderten als «Gendarm Europas» bezeichnet. Dieses Urzeitmonster ist wieder auferstanden und bedroht heute einmal mehr die Werte, auf denen die europäische Zivilisation gründet. Wir waren die ersten und kämpfen heute für uns und für euch, wohl wissend, dass unsere Niederlage katastrophale Folgen nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa haben würde. Wir brauchen Unterstützung an allen Fronten, auch im kulturellen Bereich. Und wir erwarten sie von euch, denn heute, wo die Welt schwarz und weiß geworden ist, gibt es keinen Platz mehr für Halbtöne, für halbherzige Lösungen und Phrasen wie «alles ist nicht so ganz klar». Heute ist alles ganz klar. Es gibt weiß. Es gibt schwarz. Und jeder von uns muss eine bewusste Entscheidung treffen, welche Seite er wählt.

Die russische Welt

Warum ist der Lockdown der russischen Kultur heute ebenso notwendig wie der Verzicht auf russische Energiequellen? Erstens sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der Kreml absolut jeden Bereich, in den er investiert (staatliche oder oligarchische Mittel) als Waffe betrachtet, als Kriegsinstrument gegen den kollektiven Westen. Die Gaspipeline, Medien, Kultur – sie alle werden von Russland als Instrumente zur Förderung der archaischen Werte der «russischen Welt» betrachtet. Während Russland mit Hilfe von Energie und Medien die westliche politische Elite korrumpiert und das Massenbewusstsein manipuliert, dient die russische Kultur als Projektionsfläche, als Deckmantel und Rechtfertigung für jede politische und auch militärische Entscheidung. (Schließlich kann ein Land mit einer solchen großartigen Kultur kein Land des Bösen sein.) Nicht umsonst hat Wladimir Putin kürzlich bei der Verleihung der Präsidentenpreise an Kulturschaffende direkt darauf hingewiesen, dass durch die Kultur «die Wahrheit über Russland ihren Weg in die Welt finden wird». Das heißt, die Rolle, die der russische Staat der Kultur zuweist, besteht darin, die Aufmerksamkeit abzulenken und die Welt in die Irre zu führen; denn es ist klar, dass die von den russischen Behörden produzierte «Wahrheit» ein kontinuierlicher Strom von Fakes ist. Das muss man einfach begreifen und die Weißwaschung offener Lügen durch die russische Kultur beenden.
Zweitens ist die heutige kulturelle Elite Russlands zweifellos direkt für das Grauen verantwortlich, das sich heute in der Ukraine abspielt. Ein Teil dieser Elite unterstützt offen die imperiale Politik (man erinnere sich nur an den kollektiven Brief zur Annexion der Krim, der seinerzeit von mehr als 500 bekannten russischen Kulturschaffenden unterzeichnet wurde), und ihre Position beeinflusst stark das Bewusstsein des «einfachen Russen». Die öffentliche Unterstützung des Kriegs in der Ukraine durch mehr als 70 Prozent der Bevölkerung, die die russische Soziologie heute nachweist, ist weitgehend das Ergebnis des Einflusses der kulturellen Elite.
Diejenigen, die ihre Position nicht laut kundtun, verstecken sich meist in den (scheinbar) sicheren Positionen der «reinen Kunst» unter der bequemen Flagge «Wir sind außerhalb der Politik». Und damit tragen sie zur Infantilisierung der russischen Gesellschaft bei, in der der Standpunkt dominiert: «Wir interessieren uns nicht für Politik» und «Wir sind für den Frieden in der Welt». Übrigens, hier ein gutes Beispiel: Ich bin Abonnent einer russischen Literaturpublikation, und Sie werden es nicht glauben, es gibt immer noch kein Wort über den Krieg! Diese Menschen leben in einer anderen, verdrehten Parallelrealität – einem absoluten Zerrbild! Aber es ist ja bekannt, wenn du dich nicht für Politik interessierst, wird sich die Politik für dich interessieren: Und in diesem Fall werden russische Kulturschaffende genauso toxisch werden wie russische Oligarchen und Politiker. Es reicht schon, vor all diesen Dingen die Augen zu verschließen und zu glauben, dieser Krieg ist nur Putins Krieg. Nein, nicht nur Putins! Das ist ein Krieg des russischen Staates, der aktiv oder passiv von der kulturellen Elite und von den einfachen Bürgern unterstützt wird, und sie müssen ihren Teil der Verantwortung dafür tragen.
Drittens: Indem Europa russischen Künstlern Plattformen bietet, unterstützt es indirekt die Bombardierung der Ukraine und die schrecklichen Kriegsverbrechen, die die russische Armee auf unserem Territorium begeht. Denn die vom Westen finanzierten Künstler zahlen Steuern und geben Geld in Russland aus und sponsern über den russischen Staatshaushalt den Kauf von Waffen für die Armee. Alles, was Sie vom Imperium des Bösen kaufen – Öl, Gas, Kohle, Kunstwerke oder künstlerische Dienstleistungen – finanziert die russische Armee, und das wird sich zuerst gegen uns wenden und dann gegen Sie. Das ist noch ein Grund, warum jede wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit mit Russland sofort eingestellt werden sollte.
Viertens wäre es sehr naiv zu glauben, dass die militante Stimmung in der russischen Gesellschaft heute aus dem Nichts kam. Natürlich ist das nicht der Fall. Es geht nicht nur um den zombifizierenden Einfluss des Fernsehens. Die russische Gesellschaft trägt die Prägung eines jahrhundertealten kulturellen Erbes, in dem imperiale Werte, Kriegsverherrlichung und die Verachtung «minderwertiger» nationaler Kulturen organisch verwurzelt sind. Sogar die literarischen Heldentypen, die auf der Schulbank studiert werden, beeinflussen den Bewusstseinszustand der russischen Gesellschaft. All diese «kleinen Leute», von denen nichts abzuhängen scheint, all diese «Forscher», die bereit sind, ein Verbrechen für eine Idee zu begehen, und diese wunderbar seelenlose, sinnlose und infantile Intelligenz ... Erinnert das an etwas? War es nicht diese explosive Mischung, aus der zuerst die russische Revolution, dann die sowjetische Gesellschaft und schließlich das Monster entstanden ist, das wir heute erblicken? Es kann also nicht schaden, wenn gerade jetzt Werke der «großen russischen Kultur» für eine Weile von den Plakaten verschwinden und das europäische Publikum sich von den russischen Klassikern erholt und seinen Versuchen, in die «rätselhafte russische Seele» zu blicken. Und vielleicht erweist sich die Lösung dieses Rätsels im Licht der heutigen Ereignisse und der heruntergelassenen Masken letztlich als banal und völlig uninteressant: Hinter dieser Seele steckt ein Kannibale. Einfach ein Monster.
Schließlich muss gesagt werden, dass die russische Kultur insgesamt eine deutliche Entmythologisierung braucht. Denn sie ist in vielerlei Hinsicht der europäischen und auch der ukrainischen Kultur untergeordnet. Das wahre Wunder ist, dass sie an einem Ort entstanden ist, an dem so etwas völlig unmöglich schien – in einem Sklavenland, einem geschundenen Land, in einer Bärenhöhle. Zweifellos verständlich war die Begeisterung und Verzückung der europäischen Welt darüber. Der russische Staat aber schikanierte und zensierte dann seine eigenen Künstler mit der einen Hand, mit der anderen promotete er geschickt ihre Werke (meist posthum), weil er glaubte, dass kultureller Glanz eine Chance bot, das schreckliche Image des Imperiums in der Welt aufzupolieren.
Seither hat sich nichts geändert. Aber wir in der Ukraine wissen sehr gut, wie viel von unserer Geschichte und Kultur sich Russland einfach einverleibt und zu seiner «eigenen» erklärt hat. Bei näherer Betrachtung könnte sich auch herausstellen, dass die russische Kultur aus vielen nationalen Kulturen besteht, die sich im imperialen Mainstream aufgelöst haben. Und dass sich das russische kulturelle Pantheon aus Vertretern vieler verschiedener Nationalitäten zusammensetzt. Deshalb sollte man also aufhören, Geld von der russischen Regierung, russischen Stiftungen und anderen russischen Spendern für verschiedene Festivals, Foren und Forschungen anzunehmen, und wirklich unvoreingenommen und wissenschaftlich auf dieses Kulturerbe blicken. Und ein vorübergehender Kultur-«Bann» ist eine gute Gelegenheit und ein guter Zeitpunkt, um sich in aller Ruhe damit zu beschäftigen. 

Kann es Ausnahmen für den Lockdown geben? Natürlich, sie sind dort notwendig, wo russische Kulturschaffende den Mut gefunden haben (und zum Glück gibt es solche Fälle!) oder finden werden, sich gegen die Mehrheit und gegen den eigenen Staat zu stellen. Der Spielraum ist eng: öffentliche Verurteilung des Putin-Regimes, Anerkennung der Souveränität der Ukraine, einschließlich Krim und Donbass, Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit dem russischen Staat und die Unterstützung der ukrainischen Armee, von der der Frieden in Europa nun abhängt. Kurz gesagt, die Losung «Weg von Moskau», die vor 100 Jahren in meinem Charkiw so prophetisch formuliert wurde, sollte jetzt nicht nur eine Losung der Ukraine werden, sondern auch der gesamten demokratischen Welt, aller normalen und ehrlichen Menschen.
Bis Ende März waren 144 von den russischen Besatzern getötete Kinder in der Ukraine dokumentiert. Dazu 220 verletzte Kinder. Fast die Hälfte aller ukrainischen Kinder war gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen, um sich vor dem Beschuss und den Bombardements zu retten. Glauben Sie, hier gibt es einen Platz für Dialoge und Grautöne? Wirklich? Nachbemerkung des Autors: Dieser Artikel wurde vor dem Massaker geschrieben, das die Russen in Bucha in der Nähe von Kiew anrichteten, bevor ihre flächendeckenden kollektiven Vergewaltigungen, Folterungen und Hinrichtungen bekannt wurden und vor ihrem Raketenangriff auf den überfüllten Bahnhof in Kramatorsk. All diese Fakten zeigen einmal mehr das Offensichtliche: Wir haben es mit einer wilden, blutrünstigen Horde zu tun, für die die «russische Kultur» nur ein trojanisches Pferd im Kampf um immer neue imperiale Ziele ist.

Deutsch von Marina Dafova

Der Artikel erscheint in Theater heute 5/2022

Der Autor, Schauspieler und Dramaturg DMYTRO TERNOVYI, geboren 1969 in Charkiw, schrieb sein erstes Stück als Student der russischen Philologie an der Karazin Universität Charkiw. Danach arbeitete er bis 2010 als Journalist, schon 2006 gründete er mit seiner Frau Olga Ternova das «Teatr na Zukah» in Charkiw. Für seine Dramen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sein Stück «Hohe Auflösung» über die Maidan-Revolution wurde 2014 in Karlsruhe aufgeführt und in TH 8/9-2014 abgedruckt.


Theater heute Mai 2022
Rubrik: Krieg in der Ukraine, Seite 4
von Dmytro Ternovyi

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