Verzweifelte Rituale

Das F.I.N.D.-Festival an der Berliner Schaubühne

«Wir vermissen einen Freund», sagt der Pfarrer beim Begräbnis über den plötzlich verstorbenen Mittvierziger Stuart Jackson. «Vielleicht nicht gerade einen echten Freund», räumt er ein, «einen der zuhören konnte oder einem das Gefühl gab, wichtig zu sein ...»

Der Männerkultfilm «Husbands» von Independent-Pionier John Cassavetes offenbart schon zu Beginn die Fallhöhe seiner Protagonisten: Gus, Harry und Archie stehen am offenen Grab ihres gemeinsamen Freundes.

Von der Endlichkeit des Lebens derart vor den Kopf gestoßen, erinnern sie sich an das grenzenlose Glücksversprechen, das ihr Leben einmal war, bevor sie es unter ihrem selbstgebauten Eigenheim in irgendeinem Vorort von New York begraben haben. Selbst tagelange Trunkenheit hilft bei einer progressiven Midlife-Crisis nur bis zum Erbrechen. Bei Glücks­spiel und Nutten in London angekommen, scheitern sie – zutiefst komisch und erbärmlich zugleich – an sich selbst und an den ehrlich verzweifelten Ritualen einer Männerfreundschaft, die nicht sprechen und nicht zuhören kann.

«Husbands» ist nach «Opening Night» und «Faces» Ivo van Hoves dritte Bühnen-Adaption eines Cassavetes-Films. Damit gehört sie zwar nicht unbedingt in die ...

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Theater heute April 2012
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Anja Quickert

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