Untergangsunterhaltung

Abgesänge des Abendlandes: «Demokratie in Abendstunden. Eine Kakophonie» und Elfriede Jelineks «Kein Licht.» inszeniert von Karin Beier im Schauspielhaus Köln

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«Abendstunden in Demokratie» – so hieß der Titel eigentlich, der Titel der Neuausgabe von Heinz Berggruens Kolumnen aus der Nachkriegszeit. Es war ein Zitat aus einer Zeitungsanzeige, in der 1946 eine junge Büro­angestellte entnazifizierungswilligen Herren Unterricht im Fach Demokratie (oder anderen, ähnlich promiskuitiven Praktiken) anbot.

Durch Vertauschung der Begriffe machen Karin Beier und ihre Dramaturginnen Rita Thiele und Bettina Auer aus der ambivalenten Nachhilfestunde einen ebenso ambivalenten Theaterabend: Abgesang des Abendlands, Demokratendämmerung, Untergangsunterhaltung.

Wie der Titel, so jongliert der ganze erste Teil des Abends mit verschiedensten Bedeutungselementen. Grundmuster ist Fellinis Film «Orchester­probe» von 1978. Das Orchester als Metapher für den Staat. Bei Fellini schlägt am Ende die Abrissbirne das Betongehäuse des palavernden, zerstrittenen, chaotischen Orchesters ein. Dann wird die Sicht frei auf die reale Welt draußen. Weg mit dem alten Kram. So antiparlamentarisch optimistisch waren die 70er Jahre. Heute benutzt Karin Beier dieselbe Metapher, aber wendet sie um.

33 Autoren aus dem Assoziationsspeicher

Der Abend beginnt mit Intensitätsstufe null. ...

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Theater heute November 2011
Rubrik: Schauspiel Köln, Seite 6
von Gerhard Preußer

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