Untere Schublade

Matthias Hartmann und ein offener Brief aus dem Wiener Burgtheater

Vier Jahre hat die Ensembleversammlung des Wiener Burgtheaters gewartet, bis sie sich im Zuge der #MeToo-Debatte zu einem offenen Brief gegen Machtmissbrauch und übergriffiges Verhalten ihres ehemaligen Intendanten Matthias Hartmann (2009 bis 2014) entschlossen hat. Wobei Hartmann keine strafrechtlich relevanten Vergehen vorgeworfen werden wie etwa Dieter Wedel. Aber die Vorwürfe haben es dennoch in sich.

Es ist von einer «Atmosphäre der Angst und Verunsicherung» während der Hartmann-Jahre die Rede, von Kündigungen, die durch «Gnadenakte» wieder zurückgenommen wurden, und von konkreten Ereignissen: 

«Eine Probe konnte dadurch unterbrochen werden, dass eine fast ausschließlich weibliche Besetzung von Matthias Hartmann gefragt wurde, ob sie beim Oralsex das Sperma schlucken würde und ob das einer kalo­rienbewussten Ernährung widerspräche. Ein dunkelhäutiger Mitarbeiter wurde in seiner Abwesenheit als ‹Tanzneger› bezeichnet. Ungewollte Berührungen wie ein Schlag auf den Hintern oder Umarmungen wurden zahlreichen Mitarbeiterinnen zuteil. KollegInnen der Technik und der Mulitmedia-Abteilung wurden von ihm regelmäßig als ‹Vidioten›, ‹Trottel›, ‹Schwachmaten›, ‹Scheiß-Technik› bezeichnet.»

Der Brief wurde von 60 Mitarbeitern unterzeichnet, darunter Barbara Petritsch, Sylvie Rohrer, Dorothee Hartinger, Elisabeth Orth, Branko Samarovski, Nicholas Ofczarek und Corinna Kirchhoff. Sie rühmen sich ihrer reichlich verspäteten Vorwürfe nicht: «Für die Unterzeichneten ist es erschreckend und beschämend, dass wir einige Jahre und eine gesamtgesellschaftliche Debatte benötigt haben, um die seit damals nachwirkende Erstarrung und Vereinzelung zu überwinden und überhaupt miteinander über diese Vorkommnisse zu reden. Und dass wir – teilweise durch Rückzug auf die eigene Arbeit, durch Passivität oder durch Wegducken – mit dazu beigetragen haben, dass sich dieses Klima verfestigen und ausbreiten konnte.»

Matthias Hartmann leugnet die Vorwürfe nicht, seine Relativierungen sind zum Teil jämmerlich. Ein Choreograf habe sich selbst als «Tanzneger» vorgestellt, was Hartmann nur aufgenommen habe. Den Sperma-Witz habe er zuerst von einer Schauspielerin gehört. Der Klaps auf den Hintern gehöre zum Toi-toi-toi-Ritual, das er von einem «großen, ehrenhaften Intendanten» übernommen habe. Für Beleidigungen habe er sich immer hinterher entschuldigt. Einjahresverträge hätte er verlängert, sobald er eine neue Rolle für die betreffenden Schauspieler gefunden habe.

Verantwortungsvolle Theaterleitung sieht anders aus, und auch in finanzieller Hinsicht war Hartmann kein Kind von Traurigkeit. Er musste als verantwortlicher Mitgeschäftsführer der Burg wegen eines Millionendefizits 2014 gehen, und auch wenn ihm keine strafrechtlichen Konsequenzen mehr drohen, dokumentiert ein Rechnungshofbericht von 2016 (s. TH 7/16), dass sich der Intendant selbst 13 hochdotierte Regieaufträge erteilt hat und neben seinem fürstlichen Direktorenhonorar insgesamt 1,23 Millionen Euro für weitere Eigenleistungen erhalten hat: die Burg als Selbstbedienungsladen eines Regieintendanten mit Talent zum Mobbing. Aber ist Hartmann ein Einzelfall? Und gehört eine Portion Schauspieler-Unterdrückung nicht zum Erfolgshandwerk des Regiegenies?

Kortner? Zadek?

Proben mit Fritz Kortner sind sicher kein reiner Spaß gewesen. Es gibt einen kleinen Film von der Entstehung von «Kabale und Liebe» an den Münchner Kammerspielen 1965, in dem ein furchtsamer Chefdramaturg Ivan Nagel sich unterwürfig dem knorrigen Kortner mit Vorschlägen zum Programmheft nähert und von dessen süffisanter Ironie fast weggespült wird. 

Ulrich Tukur hat im «Spiegel» von seinem ersten Engagement bei Peter Zadek an der Freien Volksbühne erzählt: «Zadek hat mich erstmal in meine Einzelteile zerlegt. Er hat mich so kleingemacht, dass alles, was ich zu können glaubte, in sich zusammenfiel. Das tat sehr weh. Dann hat er mich nach seinem Gusto wiederaufgebaut.» Es sei schwer zu sagen, wo die Trennung zwischen verantwortungsvoller Dekonstruktion und Quälerei verlaufe.

Peter Zadek hat während der Proben zu Sobols «Ghetto» (die ich als dramaturgischer Mitarbeiter begleitet habe) allerdings nie den geringsten Zweifel an seiner Achtung vor den Fähigkeiten des damals 26-jährigen Ulrich Tukur gelassen. Aber es gab sicher durchaus unterschiedliche Vorstellungen, wie sie am besten einzusetzen und zu entwickeln wären. 

Proben zwischen Künstlern, die etwas gemeinsam wollen, aber nicht wissen oder nicht einig sind, wie sie es erreichen sollen, sind im Teambetrieb Theater zwangsläufig etwas anderes als eine Beratung am Bankschalter. Das ist auch der Grund, weshalb bei Zadek Proben grundsätzlich gegenüber Produktionsfremden geschlossen waren und bei schwierigen Proben auch Teile des Regiestabs draußen bleiben mussten. Dabei ging es weder um antiquierte Theaterbräuche noch hypersensibles Regie­mimosentum: Arbeitsprozesse, in denen Schauspieler ihren Körper, ihre Persönlichkeit, ihre Überzeugungen, ihr Selbstbild und ihr Können einsetzen – und oft buchstäblich aufs Spiel setzen –, sind zwangsläufig ein nach allen Seiten hin sehr empfindlicher Vorgang, den nur gegenseitiges Vertrauen beschützen kann. Und eine Zusammenarbeit in gegenseitigem Respekt. «Ghetto» war nicht zufällig der Start von Ulrich Tukurs Karriere. 

Das Problem sind nicht die für alle Beteiligten fordernden Arbeiten eines Kortner oder Zadek. Das Problem sind Regisseur*innen, die durch Machtmissbrauch ersetzen, was ihnen an künstlerischer Vorstellungskraft fehlt. Und dann statt auf Vertrauen und Probenpsychologie auf hilflosen Probenterror setzen. Oder sich am Ende sogar einreden lassen, dass man sich beim Toi-toi-toi traditionell auf den Po klapsen würde. Der «bedeutende Intendant», der Matthias Hartmann diesen Bären aufgebunden hat, lacht sich wahrscheinlich heute noch tot. 


Theater heute März 2018
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille