Transparenz hilft!
Sehr schädlich» und «einen politischen Skandal» nannte die Literaturkritikerin Insa Wilke Ende Mai im NDR einen Artikel, den die Autorinnen Ju -liane Liebert und Ronya Othmann in der «Zeit» veröffentlicht hatten. «Die Arbeit von Jurys und von Literaturkritiker:innen ist bedroht. Wie sollen wir in Zukunft in Jurys verhandeln, wenn wir nicht wissen, ob irgendwer damit an die Öffentlichkeit geht?»
Was war geschehen? Beide Autorinnen waren 2023 Mitglied der siebenköpfigen, erfreulich diversen Jury des mit 35.
000 Euro dotierten Internationalen Literaturpreises, den das Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) seit 2009 für einen «herausragenden fremdsprachigen Titel der internationalen Gegenwartsliteraturen und seine deutsche Erstübersetzung» verleiht. Der Preis war längst (und anscheinend mit einhelliger Mehrheit) an den senegalesischen Autor Mohamed Mbougar Sarr vergeben worden, als Liebert und Othmann Ende Mai Interna des Jury-Prozesses veröffentlichten.
In ihrem Artikel behaupteten sie, Jurymitglieder hätten gegen die Statuten des Preises verstoßen, denen zufolge Entscheidungen «ohne Bevorzugung oder Vorurteile in Bezug auf Verleger*in, Herausgeber*in, Autor*in, Übersetzer:in, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit sowie politische und religiöse Ansichten» zu treffen seien – und dass das HKW dagegen nicht eingeschritten sei. Konkret war eine der Autor:innen, die bereits per Abstimmung auf der Shortlist gelandet waren, aufgrund identitätspolitischer Erwägungen – «weil die Autorin eine weiße Französin ist» – wieder ausgetauscht worden. Liebert und Othmanns zitierten namentlich nicht genannte Kolleg:innen mit pikanten Sätzen wie «Du als weiße Frau hast hier eh nichts zu sagen!» oder «Sorry, ich liebe Literatur, aber Politik ist wichtiger».
Öffentlichkeit diszipliniert
Die deutsche Literaturkritik war sich ziemlich einig: Whistleblowing aus der Jurysitzung geht gar nicht! Und richtig, wer aus einer nicht-öffentlichen Veranstaltung ohne Zustimmung der Beteiligten zitiert, verstößt gegen die Spielregeln – auch wenn er behauptet, dies nur zu tun, weil dort gegen die Spielregeln verstoßen wurde. Aber ist deshalb die Arbeit von Jurys, Literatur- oder auch Theaterkritik künftig ernsthaft bedroht?
Eine einfache Maßnahme, um das zerstörte Vertrauen wiederherzustellen, sind öffent -liche Jurysitzungen, wie sie beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb oder beim Mülheimer Dramatikpreis längst die Regel sind. Sie machen transparent und nachvollziehbar, nach welchen Kriterien Preise verge -ben und Einladungen ausgeprochen werden, ob ausschließlich kunstimmanent bewertet wird oder ob, vielleicht auch mit guten Gründen, identitätspolitische Argumente eine Rolle spielen. Im Übrigen kann Öffentlichkeit unter bestimmten Umständen eine ungemein disziplinierende Wirkung haben: Die Juror:innen sind in der Regel top vorbereitet, mit Rücksicht auf das kopräsente Publikum steigt die Bereitschaft zur konsensuellen Einigung, und es wird deutlich wertschätzender gesprochen als hinter verschlossenen Türen. Und was wäre auch schlimm daran, nicht mehr «frei von der Leber weg» über Kunst oder Kolleg:innen herzuziehen?
Gefahr droht höchstens durch Langeweile. Wenn Juror:innen sich in monotonen Monologen verfangen, sich hinter Wertschätzungsfloskeln verstecken oder jeder ernsthaften Debatte aus dem Weg gehen, schaltet auch das Publikum ab. Entweder im Zuschauerraum oder am Smartphone oder Rechner. Da helfen nur straffe Moderationen, optimierte Verfahrenswege und am Ende demokratische Abstimmungen. Doch auf dem Weg dahin kann sich jede:r selbst ein Bild machen, wie eine Auszeichnung zustande kommt – und auch Kritik daran üben.
Theater heute Juli 2024
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt
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