Theatertherapie: Die Macht der Gewohnheit

Ein Berliner Psychiater und Stressforscher über die heilende Wirkung von Theater

Theater heute

Und wer einmal Blut geleckt hat im Theater, der kann ohne Theater nicht mehr existieren.» So zitiert die Hauswirtschafterin Frau Zittel den verstorbenen Professor Schuster in Thomas Bernhards «Heldenplatz». Als Psychiater und Stressforscher weiß ich: Das Theater hält uns als Gesellschaft seelisch gesund. Theater ist ein Antidot gegen Stress. 

Tagsüber behandle ich Menschen mit Depression, Ängsten und Stimmungsschwankungen oder erforsche die Folgen von Stress auf die menschliche Psyche. Abends gehe ich ins Theater.

Im Zuschauerraum sitzen, das Programmheft auf den Knien und den staubigen Duft des Parketts in der Nase verspüren – das ist für mich die Therapie von der Therapie. Es geht um das Stück, um die Inszenierung, die Kunst – aber nicht nur. Wonach es mich dürstet, ist das ganze Erlebnis des Theaterabends. Dazu gehört das scharrende Klingelzeichen und auch die Garderobenmarke zwischen meinen Fingern in der Tasche. Und dazu gehören die Menschen, mit denen ich mich zum Theaterbesuch verabrede und mit denen mich während und nach der Vorstellung ein besonderes Gefühl von Zugehörigkeit verbindet. Und der Ausklang in der Kantine oder der Bar nebenan. Und dazu gehört auch ein Heimatgefühl in einem Theater, mit dem mich Erinnerungen und Geschichten verbinden. Diese Mischung aus Stimulation und Zugehörigkeit ist es, das Besucher in so besonderer Weise ans Theater fesselt. 

Das Theater ist für mich als Besucher ein Zuhause. Eine Heimat, nach der ich mich sehne. Wie ein Vertriebener steige ich in diesen Tagen in die Archive des eigenen Gedächtnisses hinab, um dort zwischen verstaubten Erinnerungen zu stöbern. Und mich an einzelne Aufführungen zu erinnern. Ich habe jüngst das erste Mal seit Jahren in den alten Programm­heften geblättert, die ich konsequent sammle. Bisher hielt ich das Sammeln der alten Programme für wenig sinnvolles Hoarding-Verhalten. Jetzt hat es auf einmal einen Sinn. 

Neun Mal «Käthchen»

Mir fallen plötzlich Inszenierungen ein, die ich mir so oft angesehen habe, bis sie einen wieder­erkennbaren Rhyth­mus offenlegten und mich damit in ihren Bann schlugen. Mein Rekord liegt bei neun besuchten Vorstellungen. Nicht en suite, aber innerhalb von vier Jahren während meiner Studienzeit in Wien. Das war das «Käthchen von Heilbronn» in der Inszenierung von Hans Neuenfels am Burgthea­ter. Mit Anne Bennent als Käthchen und Marcus Bluhm als Graf Wet­ter vom Strahl. Am Ende konnte ich den Kleistschen Text auswendig und kannte jedes Regiedetail. So eine Tiefenerfahrung von Theater kann einem den Kopf wieder ganz schön gerade rücken, wenn er von Alltagsthemen zu schwer geworden ist. Und die Emotionen entlüften. Das klappt. 

Ich entdeckte im Regal das Programm von Ariane Mnouchkines Atridenzyklus, Théâtre du Soleil, bei den Wiener Festwochen 1993. Alle Vorstellungen waren restlos ausverkauft und ich hatte keine Karte. Ich ging trotzdem hin, am Nachmittag vor der Premiere. Ich schlich mich irgendwie in den Zuschauerraum, der noch hergerichtet wurde, und versteckte mich hinter einer Requisitenkiste, von denen einige dort her­umstanden, und wartete viele Stunden, bis die Vorstellung begann. Es war Ariane Mnouchkine selbst, die mich schließlich hinter der Kiste entdeckte. Sie war von meiner Entschlossenheit so erstaunt, dass sie mir später ein «Bravo» in mein Programmheft kritzelte und mich ihrem Ensemble vorstellte, statt mich aus dem Saal zu werfen. Mit einigen von ihnen verbindet mich bis heute eine Freundschaft. 

In der Therapiepause 

Damals in Wien wollte ich mir diese Heimat so weit erobern wie möglich. Sogar von der Bühnenseite. In den Sommerferien packte mich die Idee, im Max-Reinhardt-Seminar vorzusprechen. Ich wollte mich dem fast aussichtslosen Wettbewerb um einen der wenigen Schauspielstudienplätze stellen. Ich wohnte damals mit fünf anderen in einer WG im achten Bezirk, und der Gedanke, meine Vorsprechrollen in meinem Zimmer lauthals einzustudieren, war mir unangenehm. Also tat ich das einzige, was mir konsequent erschien. Wenn ich im Burgtheater zuhause bin, dann kann ich dort auch proben, dachte ich. So machte ich mich eines Nachmittags auf den Weg ins Theater, betrat es durch den Bühneneingang, grüßte den Pförtner freundlich und schlich mich hinein. Ich stieg die Treppen hinauf, bis ich, hoch oben unter dem Dach, auf dem Lusterboden ankam. Er diente als Abstellfläche für Requisiten und gelegentlich als Spielort. Und er wurde mir einen Sommer lang zu meinem heimlichen Probenraum und das Burgtheater zum täglichen Zuhause. Ich flog in der ersten Vorsprechrunde raus, aber das Heimatgefühl wuchs.

Als ich 1997 von Wien nach Berlin umzog, um eine erste Anstellung als Assistenzarzt an der Freien Universität Berlin anzutreten, kaufte ich mir als erstes zwei Abos fürs Berliner Ensemble. Ich zog einfach Claus Peymann hinterher. In der mir noch unbekannten Stadt wurde mir das BE ein erstes Zuhause. 

Jetzt, in dieser theaterlosen Zeit, wird mir erst wieder klar, wie sehr das Theater uns an sich bindet und beheimatet. Als Stressforscher weiß ich heute, dass das Gefühl von Zugehörigkeit gegen Stress schützt, vor allem gegen sozialen Stress. Unsere Theater spenden Zugehörigkeit – zu sich selbst, zu den anderen Besuchern, zu ihren Häusern und Ensembles. Und damit halten sie uns seelisch gesund. All das fehlt nun. Für mich bedeutet das: Therapiepause. Für Theaterschaffende und für viele Bühnen und Festivals bedeutet das noch viel mehr und vor allem: existenzielle Bedrohung. Das ist natürlich sehr viel schwerwiegender und schmerzhafter. Aber in meinem Alltag klafft ein Loch. 

Manche beklagen, dass das Primat der Gesundheit zurzeit keine weiteren Rückfragen zulasse, dass der Shutdown im Dienste der Gesundheit absolutistisch sei. Als Arzt weiß ich, wie wichtig Gesundheit ist. Aber ich weiß auch: Das Theater hat Systemrelevanz für unsere Gesundheit. Theater stärken die soziale Kohäsion der Gesellschaft, sie sorgen dafür, dass Menschen ihre Wohnungen verlassen und miteinander in Kontakt kommen. Und die soziale Kohäsion, die so entsteht, schützt uns vor psychi­schen Erkrankungen. Theater ist damit Therapie und Prävention gleichzeitig. Daher hat Theater einen Public-Health-Auftrag. 

In einem Interview, das ich 2017 für mein Buch «Stress and the City» mit Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper in Berlin, führte, erzählte er, dass er immer wieder feststelle, dass die Zuschauer nach einer guten Vorstellung lächeln. «Als hätten sie eine Operntablette genommen», erklärte Kosky, ein Zeichen für die Aktivierung positiver Emotionen. Eigentlich sei deswegen zu fordern, dass Theater Geld von den Krankenkassen bekommen. 

Die Theater überbieten sich gerade gegenseitig mit Online- und Streamingangeboten. Es ist schön, sich durch diese Seiten zu klicken und zu sehen, was sich Theaterkünstler einfallen lassen, um digital weiterzuleben. Einerseits. Andererseits macht es mich traurig. Man merkt, dass das Theater angeschossen ist. Dass es schwach geworden ist vom Kampf gegen das Virus. Daher müssen wir Besucher uns jetzt um unsere Opern- und Schauspielhäuser, unsere Tanztheater und Ballett-Ensembles kümmern, die sich sonst um uns kümmern. Wir müssen dafür sorgen, dass sie am Leben bleiben und wieder auf die Beine kommen. Wir brauchen sie. Als Kulturorte, aber auch für unsere psychische Gesundheit.

Durch das Fenster meiner Wohnung blicke ich auf das Leuchtschild des Berliner Ensembles. Es leuchtet durch die Nacht. Es dreht sich immer weiter. Es sendet ein Lebenszeichen. Und das tröstet. 

 

Prof. Dr. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher.
Er leitet die Fliedner-Klinik-Berlin sowie den Forschungsbereich Affektive Störungen an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Er hat u.a. das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik ins Leben gerufen, das sich mit der Untersuchung des Einflusses von Stadtleben auf Emotionen und psychische Gesundheit beschäftigt, und er ist Gründer der «Singing Shrinks», des einzigen Psychiater-Chors der Welt. 2017 erschien sein Buch «Stress and the City: Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind».


Theater heute Juni 2020
Rubrik: Magazin, Seite 58
von Mazda Adli