Theater, sei wachsam

Kolumne von Joy Kristin Kalu

Theater heute

Im aktuellen Jahrbuch der «Theater heute» taucht mehrfach der Begriff «Wokeness» in der Kategorie «Ärgerlichste Erfahrung des Jahres» der Kritiker:innenumfrage zur vergangenen Saison auf. Allerdings wird er ganz unterschiedlich benutzt und bewertet. Die Redaktion fasst zusammen, «der wolkige Kampfbegriff Wokeness scheint vielfältige Probleme zu bergen – sowohl wenn Theater ‹zu woke› sein wollen, als auch, wenn er gegen sie in Anschlag gebracht wird».

Ein weiteres Ärgernis, das mehrere Stimmen auf sich vereint, betrifft die Neuausrichtung des Berliner Theatertreffens und wird als «befürchtete Selbstmarginalisierung des Theatertreffens» ausgewertet, ein Befund, der direkt mit der Wokeness-Debatte in Verbindung steht: Schließlich ging es bei der Neuausrichtung des Festivals unter anderem um ein der altbekannten Zehner-Auswahl zur Seite gestelltes Beiprogramm von zehn transdisziplinären «Treffen», die allerlei machtkritische Diskurse von Solidarität über Diversität bis hin zu Transfeminismus (womit hier transnationaler Feminismus gemeint war) bedienen sollten. In diesem Sinne wurden sie als Paradebeispiele für eine wache Theaterkuration wahrgenommen und besprochen.

Der Begriff Wokeness bringt vermutlich die gegebene Verwirrung mit sich, weil jeder Versuch, ihn wertfrei als Kategorie für diskriminierungssensible Herangehensweisen zu nutzen, scheitern muss. Ihm ist nämlich bereits die Unterstellung eingeschrieben, dass hier politische Korrektheit zu weit getrieben werde. So definiert auch der Duden den Begriff schon mit Hinweis auf dessen negative Konnotationen als «hohe (gelegentlich engstirnige oder mit militantem Aktivismus verbundene) Sensibilität für insbesondere rassistische, sexistische Diskriminierung, soziale Ungleichheit u. Ä.». Es handelt sich hier also nicht um ein Konzept, das im hiesigen Kontext als Selbstbezeichnung aus linken Bewegungskämpfen hervorging und von marginalisierten Communities für ihre Anliegen in Stellung gebracht wurde. Vielmehr ist Wokeness ein Konstrukt der Rechten, das einzig dazu dient, vermeintlich überzogene Diversitätsbestrebungen zu diskreditieren. Der vor allem in den sozialen Medien von rechten Trollen verbreitete Begriff wurde erschreckend unkritisch in die Alltagssprache übernommen und salonfähig gemacht.

Inzwischen entfaltet die Zuschreibung von Wokeness also ihr reaktionäres Potenzial auch regelmäßig in der Auseinandersetzung mit Kultur und insbesondere mit dem Theater, wo Öffnungsprozesse hin zu einer größeren Vielfalt von Erfahrungen und Perspektiven verunglimpft und veralbert werden. Ob die eindeutig rechte Genese des Konzepts im Einzelfall bekannt ist oder nicht, Wokeness wird immer von der Dominanzgesellschaft diagnostiziert, um die Arbeit an gesellschaftlichen Machtgefällen als überzogen darzustellen. Seine semantische Unschärfe macht den Begriff gefährlich, da er schwer zu fassen ist, sich jedoch nicht von seiner populistischen Aufladung trennen lässt. Es ist also an der Zeit, ihn zu problematisieren und diskursiv in seine Schranken zu weisen.

Ausweis für Realness

Um die aktuell überhitzten Debatten rund um die Transformationsbestrebungen von Theatern nachzuvollziehen, lässt es sich allerdings nicht vermeiden, auch einen kritischen Blick auf die gängige kuratorische Diversifizierungspraxis zu werfen. Dabei zeigt sich, dass machtkritisch gemeint noch lange nicht machtkritisch gemacht heißt: Während immens wichtige Anliegen wie Dekolonisierung, Queerfeminismus, Access und Nachhaltigkeit im deutschsprachigen Kulturbetrieb noch vor fünf Jahren Nischenthemen waren, wurden sie in letzter Zeit mit einem rasanten Tempo fast ausnahmslos in die Spielpläne der Theater aufgenommen. Die ernstgemeinte Auseinandersetzung mit marginalisierten Positionen und gesellschaftlich relevanten Themen macht es allerdings unumgänglich, die Strukturen der eigenen Institution in Bezug auf gegebene Hierarchien und vorhandene Barrieren zu befragen und zu bearbeiten. Bleibt diese Rückkopplung aus, läuft die politisch motivierte Arbeit diskriminierungserfahrener Künstler:innen ins Leere, und deren Vorkommen dient zuallererst der Steigerung des kulturellen Kapitals jener Institutionen, die sie präsentieren.

Die neue Fülle von Projekten, die gesellschaftliche Ungleichverhältnisse thematisieren, führt bisher leider selten zu nachhaltigen Veränderungsprozessen hinter den Kulissen. Marginalisierte Künstler:innen können sich plötzlich vor Angeboten und Anfragen kaum retten, werden dabei allerdings regelmäßig als Expert:innen ihrer Diskriminierungserfahrung gehandelt und als Gäste eingeladen, um Bühnen wie Podien Realness und linksliberale Integrität zu bescheinigen. Ihre Herausforderung besteht oft nicht mehr im Zugang zum Theater, sondern in der Möglichkeit, sich den rigiden Labels der Institution zu entziehen und künstlerisch an Stoffen zu arbeiten, die sie jenseits der eigenen Biografie interessieren. So wäre für die neue Saison und kommende Theaterjahre vor allem zu wünschen, die Orte der Begegnung nicht von jenen der Kunst zu trennen und allen das Privileg der Fiktion einzuräumen.

JOY KRISTIN KALU arbeitet als Dramaturgin, Autorin und promovierte Theaterwissenschaftlerin am Theater und seinen Erzählungen. Aktuell lehrt sie als Professorin Theorie der performativen Künste an der Universität der Künste Berlin.


Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Joy Kristin Kalu

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