Tanz der Substanzen

Das HAU Berlin zeigt Werke der Choreo­grafin Mette Ingvartsen, die demnächst an der Volksbühne inszeniert

In der kalifornischen Wüste steht eine junge Frau und blickt zum eleganten, modernis­tischen Bungalow hinauf, der oben in den Felsen gebaut ist. Plötzlich explodiert das Gebäude. Aus immer neuen Perspektiven wiederholt sich diese Explosion, zuletzt als Detailstudie des Interieurs und in Zeitlupe. Den Kleiderschrank erwischt die Druckwelle von hinten: In grotesker Anmutung blähen sich die Kleidungsstücke für einen Moment auf, bevor sie scheinbar von Schwerkraft befreit neben Lampe, Hühnchen und Hummer zu schweben beginnen.

Vor leuchtend blauem Horizont und mit Pink Floyds psychedelischem Sound unterlegt («Come in Number 51») verwandeln sich die Alltagsdinge in ästhetische Objekte – frei von Funktion, ökonomischem Wert oder Warenfetisch. Die Explosion bringt die Objekte zum Tanzen.

Dass die dänische Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen den diskursiven Teil ihrer Lecture-Performance «Speculations» mit dieser Beschreibung beendet (die sich unschwer als Ende des Films «Zabriskie Point» von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1970 erkennen lässt), ist natürlich Konzept. Die Sequenz erzeugt eine künstl(er)ische Realität, in der die Objekte Eigendynamik entwickeln und sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Neun aus 45

Wer oder was jung ist, lässt sich ja noch einigermaßen bestimmen: Eine 1991 geborene Regisseurin ist es, ein fast 70-jähriger Ex-Theaterkritiker und Juror sicherlich nicht mehr. Wo aber fängt Radikalität an, und wo überschreitet sie ihre Grenzen? Der Duden bietet als Synonyme für radikal eine ganze Latte von Beispielen: hart, rabiat, rigoros, unnachgiebig,...

Wohin die Reise geht

Missmutig drückt sich Iwanow – ein in jeder Hinsicht blasser Mittvierziger mit blöndlichem Seitenscheitel – an der heimischen Küchenzeile entlang. Seine Frau Anna Petrowna hantiert wacker lächelnd mit Obst, Gemüse und Abendbrotschüsseln und ginge locker als personifizierte Ikea-Küchen-Idylle durch, wenn ihr Kopftuch und die Strickjacke, in die sie sich mit großer...

Frankfurt: Schicksal oder Altersvorsorge?

Wie die Zeit doch selbst den Klang der Namen verändert! Als das Stück «A bright room called day» 1985 in New York uraufgeführt wurde, da klang Kushner, der Name des Autors, politisch, aufgeklärt, demokratisch. Man dachte an New York, jüdisch-intellektuelles Milieu, Widerstand gegen die Regierungsmacht. Wenn nun, dreißig Jahre später, das Stück unter dem...