Strukturell tödlich
Ob sie das immer macht, wenn sie alleine ist? Oder ist es ein Spleen aus den langen einsamen Wochen des Lockdowns? Die Bühne im Bochumer Schauspielhaus hat sich verselbständigt. Minutenlang spielt sie ganz allein und in Perfektion: Schwere Bühnenzüge gleiten mit angeberischer Leichtigkeit auf und ab, formieren sich zu Rahmen, Treppen, endlosen schwarzen Ebenen, rätselhaften Industriestrukturen. Die Scheinwerfer spielen mit blendendem Licht, die Windmaschine schneidet Nebelschwaden, Laserstrahlen zeichnen Bilder in die Luft, dazu dräuen schwere Orgelklänge.
Ein Maschinenwunderwerk, das sich selbst genügt.
Diese Perfektion kann das neunköpfige, sektenhaft rot gekleidete Ensemble nicht erreichen, soll es auch nicht. Einerseits ist Johan Simons’ coronatrotzigem Saisonabschluss «Die Befristeten» die verkürzte Probenzeit und der Kampf mit den neuen Hygieneauflagen anzumerken. Andererseits passt das stellenweise planlos wirkenden Spiel gut zu einer Menschheit, die so hohl ist wie das System, in das sie der Dramatiker Elias Canetti 1952 gesetzt hat. Ihr Sein und Bewusstsein sind davon bestimmt, dass alle den Zeitpunkt ihres Todes kennen: Wer den Namen 88 trägt, wird 88 Jahre alt, wer 20 ...
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Theater heute August/September 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Cornelia Fiedler
Kurz vor Spielzeitende geht doch noch mal was – und die Münchner Kammerspiele, die im rasanten Schlussspurt von Matthias Lilienthals zunehmend erfolgreicher Intendanz vom Virus so abrupt ausgebremst worden waren, sind schon am ersten Tag nach der Corona-Zwangspause gleich mit zwei pandemietauglichen Premieren am Start, deren Probenbeginn noch vor der Krise lag und...
/ markiert eine unterbrechung
… markiert eine pause
– zeigt an, dass eine neue person spricht
*** markiert den beginn einer neuen szene, in der die besetzung neu gemischt werden kann
♫ kennzeichnet die folgende rede als gesang
im chor sprechen alle, mit der ausnahme der vorrednerin/nen
mindestens 4 spielerinnen
Figuren:
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
ICH
...
Ulrike Syha In den letzten Monaten hat die Corona-Krise unser aller Leben, auch unser Arbeitsleben, bestimmt. Ihre Auswirkungen und die damit verbundenen Veränderungen im Kulturbereich werden das noch lange tun. Das gilt natürlich auch für uns Theaterautor*innen – obwohl ich manchmal glaube, dass uns die volle Wucht der Krise wohl erst im nächsten Kalenderjahr...
