Stadt Marketing: Der große «Faust»-Wirbel

In München wirft sich die ganze Stadt Goethes Drama an den Hals. Da bleiben Erschütterungen nicht aus.

Nein, es gibt keinen äußeren Anlass, warum tout Munich nun schon seit Februar und noch bis zum Sommer im «Faust»-Fieber schwelgt. Jeder ist eingeladen, und alle sind gekommen. Zwischen 100 und 500 Veranstaltungen sollen es sein, keiner weiß das so genau, Lesungen, Aufführungen, Konzerte, Spaziergänge sprießen wie die Frühlingszwiebeln.

Die Paulaner-Brauerei lockt mit speziellem «Faustus»-Weizenbock auf den Nockherberg, das Kaufhaus Beck hat seine Schaufenster faustisch dekoriert, und eine gelbe Plastik-Pudeldame namens Luzi lädt ins Einkaufs­paradies der Fünf Höfe zum Selfie-Knipsen. «Selber schuld, Gretchen?», fragt die Frauenseel­sorge in einer Diskussionsrunde nur für Frauen, ein Wochenendseminar bietet Selbsthilfetipps zum Thema «Pfeif auf Faust! Raus aus der Gretchen-Falle», und im Deloitte Blockchain Institute gibt «Faust II» Anlass zu Betrachtungen über «Währung und Unsterblichkeit».

Der Nukleus des ganzen Wirbels lag dabei schlicht in der Ausstellung «Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst», ein lang gehegtes Herzensprojekt des Kunsthistorikers und Direktors der Kunsthalle München Roger Diederen, der sich im Laufe der Vorbereitungen Max Wagner, den neuen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2018
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Kritik: Die große Welle

Dem englischen Kritiker Quentin Letts sind Kontroversen nicht fremd. Für die meisten Insel-Schauspieler ist eine schlechte Kritik dieses bösen kleinen Manns ein Ritterschlag. Die «Times» schrieb, seine regelmäßigen Angriffe seien «hysterisch und würden die Verleumdungsgesetze bis an ihre Grenzen ausreizen». Doch seine aktuelle «Daily Mail»-Kritik der Royal...

Interesse an der Wirklichkeit

Krzyzstof Kieslowskis filmischer Zyklus «Dekalog» war der Versuch, die Zehn Gebote mit der polnischen Alltagswelt der späten achtziger Jahre in Verbindung zu bringen. Wie sind die in Steintafeln gehauenen Moralgesetze, die der Bibel zufolge Moses einst auf dem Berg Sinai von Gott erhielt, in einer bröckelnd sozialistischen und doch zutiefst katholisch geprägten...

Technik und Weltzugang

Gibt es in diesem Jahr denn also weniger Technik? Das war die letzte und weitreichendste Frage auf der Programm-Pressekonferenz im Januar, auf der die Theatertreffen-Jury ihre Auswahl präsentierte. Die leidige Technik. Als Chiffre steht sie für alles, was am Theatertreffen im Vorjahr (bei größtenteils gleicher Jury-Besetzung) sowohl gefeiert wie moniert wurde: die...