Spuren der Gewalt

... ziehen sich zufällig oder symptomatisch durch die Zehner-Auswahl des Berliner Theatertreffens

Theater heute - Logo

Schön ist schlimm, und schlimm ist schön.» Die Umwertung aller Werte steht am Anfang von Shakespeares Mörder -drama «Macbeth». Drei Hexen sprechen den seltsam symmetrischen Satz, den Johan Simons zum Konzept seiner Bochumer Inszenierung macht: Jens Harzer, Marina Galic und Stefan Hunstein stehen zu Anfang in schwarzen Smokings, Fliegen und weißen Hemden auf der Bühne; am Ende werden sie wieder dort landen. Dazwischen aber, bevor der Kreis sich schließt, verliert das Publikum jede Orientierung zwischen Tragödie und Komödie.

Die Bühne von Nadja Sofie Eller ist mit zartem Delfter Blau gekachelt. Zwei Bänke und ein Becken wecken Assoziationen an Bäder, Boudoirs, Schlachthäuser. Hier werden Körper in ihrer Materialität erfahrbar, allerdings nur im permanenten Als-ob. Aus dem Hexentalk der drei entwickelt sich ein kühl-frivoles, hochstilisiertes Verwandlungsspiel, bei dem Galic und Harzer virtuos von einer Rolle in die andere fallen und so die Spielräume der Macht erforschen: Erotik, Gier, Rausch, Lächerlichkeit. Stefan Hunstein bleibt stummer Mitläufer und Aufhetzer, drängt sich im Bett zwischen die beiden, sitzt ihnen buchstäblich im Nacken und gießt aus einem Silberkännchen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2024
Rubrik: Best of, Seite 21
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Ravende Götter

Fünf schwarze, abhottende Zottelberge, mehr mystische Monster als menschenartige Wesen – zumindest solange sie nicht die Zottelkapuze abgezogen haben und Köpfe sichtbar werden: mit futuristisch ondulierten blonden Kurzhaarfri -suren, die Gesichter in unterschiedlichen Farben. Mal raven sie zu Technobeats, die dreifingrigen Fäustlinge zur Decke gestreckt, mal...

Tod tanzt

Was er wohl so denkt, wenn er vor der Tür steht? Oder in diesem Fall: sie, «die Tod»? Der Dramatiker Marcus Peter Tesch, Jahrgang 1989 und aus dem niederbayerischen Deggendorf, in Gießen ausgebildet und in der Dramaturgie der «Schaubühne» in Berlin weiter geschult, war zweimal Leiter des «Writers Room» beim Theatertreffen und 2017 nominiert für den Retzhofer...

Im Schatten der Sphinx

Franz Wille Eins der großen Ereignisse dieser Spielzeit ist die «Anthropolis»-Serie des Hamburger Schauspielhauses in der Regie von Karin Beier: fünf Stücke, teils Übersetzungen, teils neu geschrieben nach mythischen oder antiken Vorlagen um die Stadt Theben. Insgesamt ein riesiges Projekt, selbst für die Verhältnisse eines großen deutschsprachigen Stadttheaters....