«Sowas nennt man heute Resilienz»

Falk Richter im Gespräch über sein Stück «The Silence», über traumatisches Erbe, Generationenerfahrungen, bundesrepublikanisches Erbe und das Spiel mit Fiktion und Biografie. (Der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei)

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Theater heute «The Silence» ist ein sehr persönlicher Familienbericht aus Ihrer Jugend in Buchholz in der Nordheide. Es enthält zum Teil sehr heftige Anwürfe gegen die Eltern, vor allem den Vater. Wie ist es, so schonungslos über sich und seine Familie zu schreiben? In vorherigen Texten wie «Small Town Boy» (2013) oder «In My Room» (2020) kam die Familienbiografie zwar schon vor, aber nicht so ungeschützt.

Wie schwer ist die autofiktionale Selbstentblößung, und wie hat sich das über die Jahre entwickelt? 
Falk Richter Sicher hat der Tod meines Vaters noch mal etwas ausgelöst, außerdem bin ich jetzt über 50, und mich hat einfach beschäftigt, was für eine Beziehung ich zu meinen Eltern hatte. Woher vieles von mir kommt. Aus welchen Gründen diese Art, sich zu verhalten, bei meinen Eltern entstanden ist, und was das mit mir gemacht hat. Also auch, wie der Faschismus, die Kriegserfahrung und die Erziehung, die meine Eltern erfahren haben, in mein Leben reingespielt haben. Diese Fragen stellen sich übrigens auch viele in meinem Bekanntenkreis, die um die 50 sind. Sie teilen ein Gefühl mangelnden Vertrauens, einer Fremdheit den Eltern gegenüber. Ob daraus ein Theaterstück oder ein Prosatext werden würde, war für mich noch offen, als ich mit dem Schreiben anfing. Deshalb konnte ich auch sehr unzensiert schreiben, weil ich mir keine Gedanken gemacht habe, ob das irgendwann in einem deutschen Theater zu sehen sein wird. Ich hatte 2010 für das Festival in Avignon einen Text geschrieben, «In My Secret Garden»; den Anstoß gab der damalige Festivalleiter Stanislas Nordey, der mir vorschlug, mal alles aufzuschreiben, was ich mich in Deutschland nicht so richtig zu schreiben trauen würde. Diesen Text, in dem ein «Falk» als Hauptfigur vorkam, hätte ich in Deutschland damals so auf keinen Fall geschrieben. Ich hätte weder gewollt, dass meine Eltern ihn lesen, noch dass die Leute hier das alles erfahren. Aus Frankreich auf Deutschland zu schauen und beim Schreiben bereits zu wissen, dass mein Text in einer fremden Sprache uraufgeführt wird, schafft Distanz und eine gewisse Verfremdung. Bei «In My Room» ging’s dann sehr um meinen Vater, damals stark im Kontext toxischer Männlichkeit, was 2019 ein großes Thema war. Was haben unsere Väter als Auftrag, ein «Mann» zu sein, mitbekommen? Wie performt man Stärke, Durchsetzungskraft? Und was haben sie an uns, ihre Söhne, davon weitergegeben, und wie gehen wir nun heute mit diesen vererbten Konzepten von Männlichkeit um? Nicht über Gefühle sprechen. Nicht die eigenen Verletzungen und Ängste thematisieren, keine Unsicherheit zulassen. Schon bei den Proben zu «In My Room» stießen wir immer wieder auf das Schweigen der Väter. Ein Schweigen, das eine lebendige Verbindung verhindert. Oft ist es ein Schweigen über traumatische Erfahrungen, die Wunden hinterlassen haben, und für die sie keine Sprache finden. Aber zurück: Ich wusste am Anfang nicht, wo mich das Schreiben an «The Silence» hinführt, und während der Interviews mit meiner Mutter nach dem Tod meines Vaters, die im Video zu sehen sind, habe ich mich immer wieder abends gefragt, was ich da eigentlich mache. 

TH Wie sind diese Interviews entstanden? 
Richter Nach dem Tod meines Vaters 2020 war meine Mutter viel allein, was auch mit der Pandemie zu tun hatte; ich habe mich um sie gekümmert, und wir haben viele Gespräche geführt über ihre Kindheit. Zum Beispiel über ihren Vater, der Polizist war im «Dritten Reich». Aber niemand weiß genau, was er da genau gemacht hat. Was bedeutet Polizist zu sein im «Dritten Reich»? Das kann von Verkehrsregelung bis zur Mithilfe bei Juden-Deportationen reichen. Seine Kinder wollte er nach dem Tod seiner Frau mehr oder weniger loswerden und wegvermitteln. Für uns heute ist das alles schwer vorstellbar. Ich war da von meiner eigenen Familiengeschichte befremdet und gleichzeitig fasziniert. Familien -recherche war damals auch ein großes Thema im Freundeskreis um Edouard Louis, Didier Eribon, Geoffroy de Lagasnerie und Annie Ernaux, mit denen ich in Frankreich viel zusammengekommen bin. 

TH Wo verläuft in «The Silence» die Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion? 
Richter Einerseits ist «The Silence» wirklich ein fast dokumentarischer Zugang – die Gespräche, die ich mit meiner Mutter führe, die Beschreibung des homophoben Überfalls auf mich als Teenager – das sind auto -biografische Sequenzen. Ab dem Moment, wo Dimitrij Schaad die Spielweise ändert und «realistischer» spielt und eine vierte Wand behauptet, da wird es dann Fiktion. Das Telefonat mit dem Lebenspartner hat es so nie gegeben, die Begegnung mit dem alten Schulfreund beispielsweise hat so nicht stattgefunden. Da denke ich die Figur «Falk» und sein Leben fiktional weiter. Das hat beim Schreiben und Inszenieren mehr Spaß gemacht als die autobiografischen Passagen. Es war auch gar nicht einfach, während der Proben jeden Morgen in die Schaubühne zu gehen und dann mit 20 Mitarbeitenden aus den technischen Abteilungen zusammen auf die Videos mit mir und meiner Mutter zu schauen. Dabei haben mich alle sehr unterstützt und waren sehr verständnisvoll mit der Situation. Aber auf den Proben habe ich immer wieder darum gebe -ten, dass der Ton ausgestellt wird oder die Videos gar nicht erst ausgespielt werden. Ich wollte diese Kämpfe zwischen meiner Mutter und mir nicht jeden Tag wieder und wieder hören. 

TH Gab es nach der Premiere Reaktionen von alten Bekannten aus der Buchholzer Zeit? 
Richter Eine alte Freundin von damals war mit mir in der Premiere und danach völlig aufgelöst. Sie hat erstmal eine halbe Stunde gebraucht und ist über den Kudamm gelaufen. Es habe alle Erinnerungen aufgerissen, sagte sie danach, «es war so schrecklich». Ich habe in der Arbeit aber auch für mich über Material Distanz gesucht. Die Texte von Sabine Bode gelesen («Kriegsenkel») oder noch mal Alice Miller, eine Schweizer Kindheitsforscherin («Am Anfang war Erziehung», «Das Drama des begabten Kindes»), deren Texte über Erziehung vor allem im vom Faschismus geprägten Deutschland ich schon als 18-Jähriger kannte. Bei Sabine Bode kann man viele Erfahrungen von Menschen aus der Generation meiner Mutter finden, deren Eltern stark traumatisiert waren und deren Kinder immer das Gefühl hatten, ihre Mütter und Väter nicht noch mehr belasten zu dürfen. Also bloß nicht schwierig sein als Kind oder Fragen stellen oder Gefühle zeigen, die ihre Eltern überfordern. So würde ich meine Mutter heute sehen. Die würde niemals sagen, dass es ihr schlecht geht, selbst wenn das tatsächlich der Fall wäre. Immer durchhalten, weitermachen, nicht jammern. Das beobachte ich auch an mir. (lacht) Das hilft übrigens auch am Theater: Egal was los ist auf der Probe – wir machen jetzt weiter. 

TH Ein Krieg schien lange vorbei in Europa, das hat sich vor bald zwei Jahren mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine dramatisch geändert. 
Richter Das hat sicher für mich eine Rolle gespielt, das alles noch mal auf die Bühne zu bringen. Ein Freund von mir hat viel mit ukrainischen Webdesignern gearbeitet, die sind jetzt im Krieg. Das ist deren neue Realität – und sie wird sicher Auswirkungen haben auf die nächsten Generationen dort. Genauso wie der Krieg in Gaza jetzt. Wir hatten ja am Gorki israelische, syrische und palästinensische Schauspieler:innen, die jetzt völlig am Boden sind. Und zwar alle, denn auch die Israelis sind ja keine Netanjahu-Anhänger, sondern auf der progressiven Seite, deren Zukunftshoffnung in einer friedlichen Lösung der «Situation» lag. Der Krieg war also plötzlich wieder sehr nah. Und zurück zu meinem Vater, der laut meiner Mutter in den letzten Jahren seines Lebens jede Nacht mit Alpträumen und Kriegserinnerungen aufgewacht ist. Jede Nacht! Das wäre aber niemals ein Grund gewesen, einen Therapeuten aufzusuchen. Sowas macht man mit sich selbst aus. 

TH Ist das auch schon in die erste Fassung von «The Silence» eingeflossen, die 2022 in Frankreich aufgeführt wurde? 
Richter Das war in Straßburg, eine Koproduktion mit dem Theater MC 93 Bobigny bei Paris. Auch bei dieser ersten Fassung dachte ich noch, naja, Frankreich, da kennt man mich nicht persönlich. Der Schauspieler war Stanislas Nordey. Damals sind Zuschauer auf mich zugekommen, die das Schweigen von ihren Vätern kannten, die im Algerienkrieg gekämpft hatten. Krieg ist Krieg und hinterlässt gebrochene Menschen, die nicht wissen, wie sie mit ihren Traumatisierungen umgehen sollen. Rainald Goetz hat ja in den 1990ern – beispielsweise in «Festung» – darüber geschrieben, wie in Deutschland solche Traumatisierung und Gefühle von Schuld von einer seltsamen Heiterkeitskultur überdeckt wurden. Man muss auch nur ans deutsche Fernsehen in der Nachkriegszeit denken – Sendungen wie «Der Blaue Bock», die bis in die späten Achtzi -ger die Kriegsgräuel vergessen machen sollten oder Gassenhauer wie «Wir lassen uns das Singen nicht verbieten». Und worüber nicht gesprochen wird, das ist für mich als Autor immer interessant! So fängt «The Silence» an: 20 Sätze, die immer mit «In meiner Familie wurde niemals darüber gesprochen, dass …» anfangen. 

TH Haben Sie die erste Fassung dann auf Französisch geschrieben? 
Richter Nein, ich schreibe auf Deutsch, und meine Übersetzerin, Anne Monfort, ist dann auch in der Produktion dabei und kann schnell reagieren. Danach kam die Anfrage von der Schaubühne, diese Produktion zum FIND-Festival einzuladen. Das erschien ihnen dann aber doch etwas komisch – eine Arbeit von Falk Richter, der in Berlin lebt, auf Französisch aus Straßburg einzuladen, und so entstand dann die Idee einer erneuten Inszenierung. Der Text ist durch die Überarbeitung – ich hatte über ein Jahr Zeit – aber zu mindestens 60 Prozent neu. Der Schluss ist neu, auch das Schlussvideo. Die deutsche Fassung lässt meine Mutter noch mehr zu ihrem Recht kommen. 

TH Sie hat das letzte Wort! Auf die Frage, was sie in ihrem Leben anders machen würde, wenn sie könnte, entwirft sie für sich ein komplett anderes Leben. 
Richter Sie sagt, sie hätte gerne eine Ausbildung gehabt, Sprachen gelernt und einen Beruf. Sie wäre gerne Ärztin geworden! 

TH Zuvor haben die Fragen im Video manchmal auch den Charakter einer Abrechnung. 
Richter An einigen Stellen sicher. Auch weil sie am Anfang so offensichtlich lügt, als es um mein Tagebuch geht. Je mehr ich nachhake, desto deutlicher wird dann, dass meine Mutter das Gefühl hatte, dass es ihr Recht war, meine Tagebücher und Briefe zu kontrollieren, sozusagen zur Gefahrenabwehr. Sie sah es als ihre Aufgabe an, aufzupassen, dass ich nicht von der Norm abweiche. Dass die Kinder nicht seltsame Sachen machen. Rauchen oder kiffen galt ja schon als kriminell. Mein Schulfreund, von dem sie behauptet, dass er angeblich kriminell war, hat wahrscheinlich nur geraucht oder gekifft, allerhöchstens einen kleinen Ladendiebstahl begangen. Buchholz in der Nordheide ist so eine behütete Gegend, ich bin danach in Hamburg als erstes sofort auf die Reeperbahn gezogen. Also meine Mutter hat in Berlin viel mehr Raum bekommen. Neu war auch, dass ich selbst auf dem Video mit meiner Mutter in der Inszenierung auftauche. Das habe ich noch nie gemacht! Dass sich ein Autor autofiktional mehr oder weniger deutlich in einen Text mit einschreibt, ist gängige Praxis – von Rainald Goetz über Edouard Louis, Annie Ernaux bis zu Sivan Ben Yishai und vielen anderen. Selbst Elfriede Jelinek macht das! Aber selbst im Bild sein, hat noch eine andere Qualität. 

TH Unvorstellbar ist heute auch, dass Ihr Vater Ihre Mutter und Ihre Schwester fünf Jahre lang in einer Zweitwohnung quasi versteckt hat, bevor er sich scheiden ließ. 
Richter Mein Vater erzählte mir einmal, dass er sich damals gar nicht scheiden lassen konnte ohne Einverständnis seiner ersten Frau. Das war tatsächlich so, dass man ohne beiderseitiges Einverständnis zu der Zeit eine Ehe nicht auflösen konnte. Neu in der Berliner Fassung ist auch die Therapeutin. Ich habe tatsächlich nach der Straßburger Premiere eine Therapeutin angesprochen, ihr den Text und die Videos gegeben, sie gebeten, sich das anzusehen, um beides danach mit mir auszuwerten. Mir war bewusst, dass ich an einem künstlerischen Projekt arbeite, das auch eine therapeutische Seite hat. Das zeigen auch die Reaktionen. Ich bekomme nach jeder Aufführung sicher an die zehn Zuschriften bei Instagram oder Facebook von Menschen, die ich nicht kenne und die beschreiben, was das bei ihnen alles auslöst. Es macht etwas mit den Leuten. 

TH Was hat Ihre Mutter nach der Premiere gesagt? 
Richter Meine Mutter konnte die Inszenierung noch nicht sehen, sie ist kurz vor der Premiere gestürzt, war im Krankenhaus und kann nicht reisen. Aber sie hat alles gelesen, und ihre Reaktion war wie im Stück: «Du machst das schon. Ich habe eingewilligt, finde das gut und stehe dazu. Alles gut.» Wir werden uns demnächst zusammen einen Mitschnitt anschauen und darüber reden. Man muss sich auch die Frage stellen, wem diese Geschichte eigentlich gehört – nämlich uns beiden. Ich habe darüber auch lange mit Edouard Louis gesprochen, dessen Bruder ihn umbringen wollte wegen seiner Texte. Die Eltern sind damals in Frankreich an die Presse gegangen und haben alles dementiert. Sie seien gar nicht so wie dargestellt, sondern richtig nett. Jeder erinnert eben anders. Und die Generationen haben andere Erwartungen. Meine Eltern waren immer der Ansicht, ihren Kindern geht’s doch gut. Wir hatten genug zu essen, haben eine gute Ausbildung bekommen. Stimmt auch! Aber auf die Idee, mit uns über unsere Gefühle zu reden, wie’s uns dabei geht, kamen sie nicht eigentlich. Oder meine Tante: Gegen Ende der Pandemie habe ich mit ihr telefoniert und mich beklagt, dass die Theater so lange geschlossen waren, meine Stücke knapp drei Jahre nicht gespielt wurden und wenn, nur vor einer Handvoll Zuschauer, die Projekte seit Monaten auf Eis liegen – und ihre einzige Reaktion war: «Aber du hast doch immer zu essen gehabt.» So gesehen, hatte sie recht. Ich hatte zu essen, und ich hatte eine Wohnung! Also: «Nicht jammern. Immer nach vorne schauen! Das Leben geht weiter.» Sowas nennt man heute Resilienz. 

TH Wie ist es, sich von Dimitrij Schaad gespielt zu sehen? Er ist ein Schauspieler, der sehr charmant auftritt, das Publikum sofort umarmt und auch eine Humor-Distanz zur Figur mitspielt. Seine Ausstrahlung ist am Anfang: Liebes Publikum, ich mache euch jetzt einen netten Abend. 
Richter Stimmt, Dimitrij Schaad arbeitet erstmal diametral gegen das Gesamtanliegen des Abends. Er geht charmant auf die Zuschauer zu, er liebt es zu gefallen und vermittelt das Gefühl, als guter Kumpel durch die nächsten zwei Stunden zu führen. Er geht dann später aber doch sehr in die Emotionen rein.

TH So diametral anders als Falk Richter wirkt das nicht: Sie sind ja auch charmant und offen! 
Richter Finden Sie? Ah, danke. Ich habe erstmal die Unterschiede zu mir gesehen: Er ist 15 Jahre jünger als ich, er ist hetero, er ist kein Biodeutscher. Diese Distanz finde ich wichtig, denn das Stück ist bei aller scheinbar authentischen Erfahrung, die darin steckt, auch ein Spiel mit Fiktion und Biografie. Dadurch, dass es jemand anderer spielt, wird es für mich erst ein Theaterabend. Die Schaubühne hatte mich ursprünglich gefragt, ob ich das nicht selbst spielen wollte. Ich habe einen Tag überlegt, aber das war mir dann doch zu viel. Die Distanz war mir wichtig, denn Erinnerung ist selbst immer eine Fiktionalisierung. Wir können ja nicht beweisen, dass es so war, wie ich es erinnere. Zum Beispiel beschreibe ich sehr lange, wie ich damals von zwei homophoben Typen zusammengeschlagen wurde, für mich war das traumatisch. Aber mein Vater sagte dazu: «Mein Gott, hast du eben mal kurz auf die Nase bekommen. Was soll’s? Im Krieg ist sowas dauernd passiert.» Das ist eben seine Realität. Dazwischen bewegt sich das ganze Stück. Und meine Mutter würde sagen: «Alles war gut.» Ihr Stück wäre nach zwei Minuten zu Ende. Ich will mit diesem Abend nicht zwanghaft meine Perspektive ins Recht setzen, sondern eher für die Zuschauer zur Verfügung stellen: Was erzählt das über die Nachkriegszeit, was erzählt das darüber, woher wir kommen, über diese bundesrepublikanische Geschichte? Der Krieg spielt da noch eine große Rolle, und wenn ich heute die Bilder aus der Ukraine oder aus Gaza sehe, dann denke ich: Wir produzieren gerade wieder solche Männer und Frauen mit traumatischen Lasten. Vor unseren Augen entsteht ein neues traumatisches Erbe, von dem wir nicht wissen, wie es das Leben der nachfolgenden Generationen beeinflussen wird. 

TH Könnten auch andere «The Silence» aufführen? 
Richter Unbedingt! Das Stück könnte auch ein anderes Team umsetzen. Es könnte sich dann überlegen, ob es diese Geschichte exemplarisch erzählen will oder sie eventuell auch verbinden mit anderen, eigenen Geschichten. «The Silence» erzählt zwar sehr persönlich meine Geschichte, aber sie kommuniziert hoffentlich weit darüber hinaus. Ich fänd’s total interessant, andere Inszenierungen davon zu sehen.

FALK RICHTER, geboren 1969 in Buchholz in der Nordheide, langjähriger Hausregisseur u.a. am Schauspielhaus Zürich, der Berliner Schaubühne, dem Düsseldorfer Schauspielhaus, dem Berliner Maxim Gorki Theater, dem Deutschen Schauspiel- haus Hamburg und zuletzt den Münchner Kammerspielen. Autor zahlreicher Stücke, u.a. «Gott ist ein DJ»(1999), «Unter Eis» (2004), «Trust» (2009), «Small Town Boy» (2014) und «In My Room» (2020)


Theater heute Februar 2024
Rubrik: Akteure, Seite 26
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